Jochen Böhler
Auftakt zum Vernichtungskrieg – Die Wehrmacht in Polen 1939
Die Beurteilung der Rolle der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg hat in Deutschland in den letzten zehn Jahren einen entscheidenden Bedeutungswandel erfahren. Ihre Tatbeteiligung am nationalsozialistischen Mordprogramm war zwar in der historischen Forschung seit längerem bekannt, wurde aber nun durch Ausstellungen, zahlreiche Monographien und Abhandlungen sowie Artikel in der Tagespresse von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen. Der Begriff des Vernichtungskrieges steht seitdem für das Massensterben der russischen Kriegsgefangenen in deutschem Gewahrsam sowie die Massenerschießungen an Zivilisten – insbesondere einheimischen Juden – vor allem in der Sowjetunion und in Serbien ab 1941. Die Wehrmacht war für diese Verbrechen mit verantwortlich, sie führte sie selber durch oder leistete den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei Hilfestellung bei ihrem grausigen Handwerk.
Angesichts des gewaltigen Ausmaßes der deutschen Gewaltverbrechen in Ost- und Südosteuropa ab dem zweiten Kriegsjahr, das unser Vorstellungsvermögen übersteigt, sind andere Aspekte des Vernichtungskrieges im Westen lange Zeit unberücksichtigt geblieben. Erst in jüngerer Zeit nahm man dort zur Kenntnis, dass die Gewaltentwicklung in Polen bereits die wesentlichen Züge des späteren Vernichtungskrieges trug, wenn auch noch nicht in den Dimensionen, die er zwei Jahre später annehmen sollte. Es ist gerechtfertigt, den deutschen Überfall auf Polen, den Auftakt zum Zweiten Weltkrieg, auch als Auftakt zum Vernichtungskrieg zu bezeichnen.
Die geballte Kraft einer neuartigen, hoch technisierten deutschen Kriegsmaschinerie, bestehend aus Infanterie- und Panzerverbänden, motorisierten Einheiten und einer modernen Luftwaffe, fiel am 1. September 1939 über Polen her. Eine Kriegserklärung war von deutscher Seite gar nicht erst erfolgt. Über 150 polnische Städte wurden mit Bomben belegt, ungeachtet, ob sich darin polnisches Militär befand oder nicht. Allein die deutschen Luftangriffe forderten weit über 10.000 zivile Opfer. Auf dem Boden lief derweil ein gnadenloses Mordprogramm ab. Paramilitärische Verbände, bestehend aus Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei, SS-Einheiten und dem aus Angehörigen der deutschen Minderheit in Polen zusammengesetzten so genannten „Volksdeutschen Selbstschutz", ermordeten im Auftrag Himmlers tausende Angehörige der polnischen Elite. Daneben fanden im September 1939, aber auch überall im Lande Brandstiftungen und Erschießungen durch reguläre Einheiten des deutschen Heeres statt, denen ebenfalls tausende polnische und jüdische Zivilisten sowie Kriegsgefangene zum Opfer fielen. Darüber hinaus beteiligte sich die Wehrmacht aktiv an der Vertreibung der Juden aus dem deutsch besetzten auf das sowjetisch besetzte Territorium der ehemaligen polnischen Republik.
Wie aber sah das, was die Historiker heute Vernichtungskrieg nennen, vor Ort aus? In deutschen Feldpostbriefen und Kriegstagebüchern können wir es nachlesen. Vernichtungskrieg in Polen 1939 – das bedeutete brennende Ortschaften, die nachts ganze Landstriche taghell erleuchteten: „Dieser erste Abend in Polen wird uns allen unvergesslich bleiben. Als wir abends draußen im Scheine von Windlichtern unsere Hühnersuppe aßen, glühte der Himmel von brennenden Gehöften, die die Polen teilweise beim Rückzug selbst in Brand gesteckt hatten, teilweise erst beim Angriff von uns in Brand geschossen worden waren. Überall hörte man verlassenes herrenloses Vieh blöken. Die Nacht war unruhig, immer wieder knallten Schüsse nervöser Posten. Vom Fenster unseres Pfarrhauses sah man des Nachts eine brennende Windmühle, die ihre Flammen und Flügel durch die Finsternis schwang wie ein altgermanisches Sonnenrad", hielt man beim Panzerregiment 11 am 3. September ganz im Stile eines Ernst Jünger fest. Ähnlich hatte man tags zuvor beim Pionierbataillon 18 bemerkt: „Es war ein schaurig schöner Abend. Rechts färbte das brennende Dzia³oszyn den Himmel blutrot. Bald gesellte sich Sensów dazu und erhellte das Warthetal. Vollmond." Bei einer zeitgleich in derselben Gegend eingesetzten Einheit liest man nach, was meist die Ursache der Brände in den Ortschaften war: „Einen kleinen Denkzettel sollen die Einwohner haben, ein Haus geht in Flammen auf", und noch deutlicher beim benachbarten Pionierbataillon 10: „Langsam nur schiebt sich unsere wuchtige Kolonne durch diesen unheilvollen Ort. Lodernde Flammen schlagen über den Häusern zusammen. Ihr unruhiges, gespensterhaftes Züngeln ist eine einzige Anklage gegen die Fenster- und Heckenschützen von Wyszanów. […] Wohl denn, wir haben sie noch bestattet, zwar auf unchristliche Art, jeden in seinem Krematorium!"
Generaloberst Fedor von Bock rief in seiner Eigenschaft als Befehlshaber der Heeresgruppe Nord am 10. September 1939 gar offen zur Niederbrennung von Ortschaften als Vergeltung auf. Als Maßnahme „zum Schutz der Truppe" ordnete er an: „Wird hinter der Front aus einem Hause geschossen, so wird das Haus niedergebrannt [...]. Der Ortsvorstand oder, wo ein solcher nicht vorhanden, angesehene Ortseinwohner sind wegen dringenden Verdachts der Beihilfe vor Gericht zu stellen. Wird aus einem Dorf hinter der Front geschossen, und ist das Haus, aus dem das Feuer kam, nicht festzustellen, so wird das ganze Dorf niedergebrannt – sofern es zur Unterbringung der Truppe nicht gebraucht wird." Wer nach einem „verbrecherischen Befehl" sucht, den die Wehrmacht bereits vor 1941 verabschiedete und der die Truppe zu Übergriffen gegen die einheimische Zivilbevölkerung geradezu aufforderte, findet ihn hier.
Vernichtungskrieg in Polen 1939 – neben Brandstiftungen bedeutete das auch die Ermordung von Männern, Frauen und Kindern, die sich noch in den Ortschaften aufhielten. Ein Gefreiter K. schrieb am 10. September 1939 in einem Feldpostbrief in die Heimat: „Bald werden wir wohl wieder eingesetzt werden. Der reguläre Kampf mit der polnischen Armee ist ja bald vorbei, aber der Krieg gegen die Banden, der nicht weniger blutig und vor allen Dingen abscheulich ist, weil es hier oft Frauen und Kinder trifft, kann noch etwas dauern." Ein Angehöriger des Infanterieregiments 41 notierte kurz darauf zu einer „Säuberungsaktion" in der Umgebung von P³udwiny: „Überall werden polnische Zivilisten und Soldaten herausgezogen. Als die Aktion beendet ist, brennt das ganze Dorf. Am Leben blieb niemand, haben auch alle Hunde erschossen. F. braucht für einen Mann sechs Schuss Pistolenmunition." Ein Regimentskamerad erinnerte sich noch Jahrzehnte später: „Der Vormarsch des Infanterieregiments 41 [...] [in Polen] war ein einziger Völkermord. Obwohl es damals noch keine polnischen Partisanen gab, blieb kaum ein Dorf von Kalisch bis Warschau verschont […]."
Im Gegensatz etwa zur deutschen Invasion in Belgien und Frankreich ein Jahr später trug der deutsche Überfall auf Polen von Anfang an die Züge eines ideologischen Rassenkrieges und hatte die Ermordung führender Gesellschaftsschichten und ethnischer Minderheiten zum Ziel. Die Wehrmacht spielte dabei eine zentrale Rolle: Sie vertrieb gezielt Polen und Juden aus dem deutschen Machtbereich, sie deckte die rassistisch motivierten Exekutionen der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei, an denen vereinzelt auch Wehrmachtssoldaten teilnahmen. Die Exzesse deutscher Soldaten wurden nach Abklingen der Kampfhandlungen nicht kriegsgerichtlich untersucht, vielmehr wurde durch eine Generalamnestie den Tätern Straffreiheit zugesichert. Dadurch segnete die Wehrmachtsführung die Übergriffe nachträglich ab und sandte den deutschen Soldaten ein eindeutiges Signal: Im Ostkrieg gegen Slawen und Juden war offenbar jedes Mittel recht. Primo Levis viel zitierter „erster Schlag", durch den ein Opfer bereits seine gesamte Würde einbüßt, wurde Polen im Spätsommer 1939 von Soldatenhand versetzt.
Dass heute eine Ausstellung zu den Verbrechen der Wehrmacht in Polen im September und Oktober 1939 gezeigt wird, hat so gesehen seine Berechtigung. In der Vergangenheit ist allzu oft in Vergessenheit geraten, dass Polen, das östliche Nachbarland Deutschlands, nach der Sowjetunion am meisten unter der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkrieges gelitten hat. Als vor einigen Jahren Vertreter des Hamburger Institutes für Sozialforschung, die die Ausstellung „Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1945" konzipiert hatten, im Warschauer Kulturpalast mit polnischen Historikern zusammentrafen, äußerten letztere ihre Verbitterung darüber, dass der Schauplatz Polen wieder einmal nicht vertreten sei. In der englischsprachigen Fassung der Ausstellung, die aufgrund des Moratoriums von Jan Philipp Reemtsma nicht mehr gezeigt wurde, hatte man zumindest auf zwei Seiten einige Dokumente und Fotos zu Wehrmachtsverbrechen in Polen im Jahr 1939 präsentiert. Umso unverständlicher, dass in der neu konzipierten Ausstellung Polen als Schauplatz wieder gestrichen wurde, diesmal mit dem Hinweis, dass die Übergriffe deutscher Soldaten im Jahr 1939 nicht mit dem in Verbindung zu setzen seien, was man im allgemeinen unter dem Begriff „Vernichtungskrieg" verstehe.
Diese These zu widerlegen war das Anliegen des Polnischen Institutes des Nationalen Gedenkens und des Deutschen Historischen Institutes Warschau, als man sich dort entschloss, eine eigene Ausstellung zu den Wehrmachtsverbrechen in Polen 1939 zu konzipieren. Einzigartig dabei ist, dass hier eine polnische und eine deutsche Institution gemeinsam den Spuren einer hochgradig belasteten Vergangenheit nachgegangen sind, über die noch dazu bis zum Fall der Mauer im Osten und im Westen völlig unterschiedliche Vorstellungen bestanden hatten. Während in Polen noch heute jedes Kind durch die Erzählungen der Großeltern oder den Geschichtsunterricht über die deutschen Gräueltaten während des Polenkrieges 1939 Bescheid weiß, war in der Bundesrepublik davon bis vor Kurzem nichts bekannt. Die Zusammenarbeit erbrachte aber zugleich neue Erkenntnisse für die polnische Seite, indem den unzähligen Berichten von Polen und Juden, die die deutsche Besatzungszeit überlebt hatten, nun erstmals umfassendes Dokumentenmaterial aus deutschen Archiven – allem voran dem Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg – gegenübergestellt werden konnte. Zugleich lieferten besonders die reichhaltigen Bildbestände der Archive des Instituts des Nationalen Gedenkens die notwendige Illustration der Abläufe, ohne die eine Ausstellung nicht realisiert werden kann.
Eine Ausstellung über deutsche Verbrechen 1939 von deutscher und polnischer Seite zu erarbeiten und in beiden Ländern zu zeigen – eine polnischsprachige Version tourt seit dem 1. September 2004 durch Polen – ist ein Wagnis. Der Prozess der Annäherung war nicht immer einfach, aber er war letztendlich immer gewinnbringend. In gemeinschaftlicher Anstrengung haben wir uns bemüht, den Besuchern eine Darstellung der Ereignisse zu liefern, die weder verharmlosend noch pauschalisierend daherkommt.