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6.06.2013, 14:00 — 18:00 Uhr

Der demografische Wandel und seine Folgen. Die Zukunft der Gesellschaften in Deutschland und Polen

Vertretung des Landes Brandenburg beim Bund, In den Ministergärten 3, 10117 Berlin

2. BERLINER GESPRÄCH DES DEUTSCHEN POLEN-INSTITUTS

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Einladung / Programm

Tagungsbericht:

In ihrem Eingangsstatement betonte Irena Wóycicka, Staatsministerin in der Kanzlei des polnischen Präsidenten Bronisław Komorowski und dessen Beauftragte für Sozialpolitik, den Einfluss des zivilisatorischen Wandels nach der Wende in Polen auf die Verbesserung der Lebensqualität und die damit zusammenhängenden höheren Ansprüche an das immer länger währende Leben seiner Einwohner. Im Schnitt leben Polen heute sechs Jahre länger als noch vor etwa 25 Jahren, gerade bei Männern ist ein spektakulärer Fortschritt festzustellen. Das politische Dilemma liege darin, so Wóycicka, dass die Kosten dieser Entwicklung durch die heute aktiven Generationen bestritten werden müssen. Auf diesem Gebiet sind die Versäumnisse gravierend: Sowohl die Situation der immer größer werdenden Zahl der Senioren wie auch die Lage von jungen Menschen, die die Familiengründung und die Kinderwünsche vor sich herschieben, ist in vielfacher Hinsicht besorgniserregend. Dabei liege das Problem insbesondere in der Geschwindigkeit des demografischen wie gesellschaftlichen Wandels in Polen, wo es in den letzen zehn Jahren zu einer wahren „Kulturrevolution“ im Sinne einer Individualisierung und Pluralisierung der Lebensentwürfe gekommen ist. Als mögliche Abhilfe nannte Wóycicka eine bessere Ausschöpfung der vorhandenen Arbeitsressourcen zwecks Generierung eines höheren Wachstums, denn die Zahl der wirtschaftlich Inaktiven ist in Polen besonders groß. Nur durch Wachstum bekommt der Staat auch mehr Spielräume für eine komplexe Sozialpolitik, die es so nach der Wende, trotz erheblicher Mittel, nicht gab. Als besonderes Anliegen nannte die Expertin die bessere Vereinbarkeit zwischen Kinderwunsch und Beruf durch die Schaffung einer entsprechenden Infrastruktur, aber auch eines anderen gesellschaftlichen und unternehmerischen Klimas, in dem junge Familien als risikobehaftet gelten.

Die deutsche Gesprächspartnerin Prof. Dr. Rita Süssmuth, Bundestagspräsidentin a. D. und Präsidentin des Deutschen Polen-Instituts, kommentierte die Politik in Deutschland kritisch, die trotz erheblicher finanzieller Anstrengungen des Staates nur mäßige Erfolge trägt. Sie beklagte die „Verdrängungspolitik“, mit der das Thema unlängst noch angegangen wurde. Als Schlüssel nannte Süssmuth die Situation von jungen Menschen, die oft nur prekäre Beschäftigungsverhältnisse angeboten bekommen und so ihre noch vorhandenen Kinderwünsche nicht realisieren. Sie verwies insbesondere auf die Frauen, die sich trotz steigender Karrieremöglichkeiten in einer Falle sehen und mehr schlecht als recht den Spagat zwischen Beruf und Familie meistern. Dabei ist es in den letzten Jahrzehnten gelungen, die Beschäftigungsquote von Frauen deutlich auf über 50% zu steigern. Zum Glück, so Süssmuth, ändern sich auch unsere „Alters-Bilder“, das Altern wird nicht mehr ausschließlich negativ gesehen, sondern ist als Chance zu sehen. Ebenso positiv sah sie die Entideologisierung der Kinderbetreuungsdebatte in Deutschland: Noch in den 1980er Jahren, als sie Familienministerin war, war das Wort „Krippe“ Teufelszeug. Und auch in der Einwanderungspolitik ist das Land weiter: Die große Mehrheit hat begriffen, dass Fachkräfte aus dem Ausland, auch aus Polen, notwendig sind, um die Folgen des demografischen Wandels zu mildern. An einer Willkommenskultur müsse hierzulande allerdings noch gearbeitet werden.

Im zweiten Panel stellte die Warschauer Demografin Prof. Dr. Irena E. Kotowska die ernüchternden Zahlen für die demografische Entwicklung der nächsten Jahrzehnte vor: So wird sich die Bevölkerungszahl von Polen bis 2060 um ca. 6 Mio. auf 32 Mio. reduzieren. Während Polen im Moment noch ein relativ „junges“ Land ist, wird sich die Situation jedoch bald dramatisch ändern. Hintergrund sind die „revolutionären“ Änderungen in der Gesellschaftsstruktur, bei der die Frauen immer aktiver in Hinblick auf Qualifikation und Karriere werden, so dass sich das Zeitfenster, in dem Kinderwünsche in Erfüllung gehen können, immer wieder nach hinten verschiebt und somit immer kleiner wird. Die derzeitige Geburtenrate liege bei 1,2 Kindern pro Frau im reproduktiven Alter und gehört zu den niedrigsten in der Welt. Die Bevölkerungspyramide steht in wenigen Jahrzehnten dann wirklich auf dem Kopf: Während heute auf 100 erwerbsfähige Polen (im Alter von 15-64 Jahren) 40 andere Personen (Kinder bis 14 Jahre und Senioren ab 65 Jahren) entfallen, wird sich die Zahl im Jahre 2030 auf etwa 60 und im Jahr 2060 auf mehr als 80 Personen erhöhen.

Prof. Dr. Hans Bertram, Mikrosoziologe aus Berlin, stellte den Umgang mit im Grunde ähnlichen demografischen Entwicklungen in Deutschland vor. Er distanzierte sich zunächst von der immer wieder ins Gespräch gebrachten Zahl von 2,1 Kindern pro Frau, um die Reproduktion einer Gesellschaft zu gewährleisten: Deutschland kämpft mittlerweile seit 40 Jahren mit zu niedrigen Geburtenraten. Seiner Meinung nach kann bereits eine Rate von 1,8 - 1,6 die Reproduktion des „Humankapitals“ gewährleisten, da es im Grunde auf dessen Qualität ankomme und alle Bildungs- und Qualifizierungsindikatoren weisen in diese Richtung hin. Auch die Vitalität der Älteren hat sich radikal verbessert. Bertram stellte die Frage, ob der Renteneintritt mit 65 oder 67 Jahren die heute noch adäquate Interpretation der demografischen Situation des Landes sei, oder ob es nicht mit einem  tradierten, aber doch anachronistischen Bild vom „guten Leben“ verbunden ist, bei dem das Alter als die Zeit des „Früchte-Genießens“ fest verankert ist. Vielmehr sollte die heutige Rentnergeneration länger im Beruf bleiben, um noch einen größeren Teil zum ökonomischen Gelingen der Gesellschaft beizutragen und so den „Versorgungs-Druck“ von der jungen Generation zu nehmen. Eine andere Vorstellung vom „guten Leben“ – jenseits der noch aus der wilhelminischen Ära stammenden Arbeitszeitmuster muss her!

Bericht: Dr. Andrzej Kaluza