Deutsche und Polen aus nächster Nähe Kontakte und Bilder vom Nachbarn 35 Jahre nach der Unterzeichnung des Nachbarschaftsvertrags
Deutsch-Polnisches Barometer 2026
PRESSEMITTEILUNG | WARSCHAU–DARMSTADT, SEPTEMBER 2026
Deutsche und Polen aus nächster Nähe. Kontakte und Bilder vom Nachbarn 35 Jahre nach der Unterzeichnung des Nachbarschaftsvertrags
Fünfunddreißig Jahre nach der Unterzeichnung des Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit besuchen Polen häufiger ihr Nachbarland als Deutsche und pflegen auch häufiger direkte Beziehungen zu dessen Bürgern. Die Studie „Deutsch-Polnisches Barometer 2026“ zeigt zugleich, dass persönliche Erfahrungen mit dem anderen Land das Bild von ihm deutlich verbessern und dass die Grenzregion nach wie vor ein Versuchslabor für die alltägliche Zusammenarbeit ist.
Polen machen öfter Bekanntschaft mit dem Nachbarland
59 % der Polen waren seit 1990 in Deutschland, während 42 % der Deutschen seit 1989 Polen besuchten. In beiden Ländern wachsen diese Zahlen allmählich, doch der Unterschied zwischen den Bevölkerungsgruppen bleibt deutlich erkennbar. Polen, die in Deutschland waren, haben das Land meist ein paar Mal (32 %) oder einmal (22 %) besucht. Unter den Deutschen machen dieselben Gruppen jeweils etwa ein Fünftel der Befragten aus.
Touristische Motive sind in beiden Richtungen der Hauptgrund für Reisen: 59 % der Polen, die Deutschland besuchen, und 74 % der Deutschen, die nach Polen kommen, geben dies an. Deutsche verbinden ihren Besuch deutlich häufiger mit Einkäufen oder der Inanspruchnahme von Dienstleistungen – diesen Zweck nennen 27 % der Polenbesucher. Bei den Polen spielen auch Arbeit und Familienbesuche eine wichtigere Rolle.
„Die Ergebnisse zeigen eine dauerhafte Asymmetrie in den Kontakten. Polen liegt geografisch nah an Deutschland, bleibt aber für die Deutschen immer noch zu oft ein unbekanntes Land. Für viele Polen hingegen ist Deutschland Teil ihrer persönlichen Erfahrung – durch Reisen, Arbeit sowie familiäre und berufliche Bindungen. Anlässlich des 35. Jahrestags des Vertrags darf die Frage gestellt werden, wie dieser Unterschied verringert werden kann“, kommentiert Dr. Jacek Kucharczyk, Vorstandsvorsitzender des Instituts für Öffentliche Angelegenheiten aus Warschau
Die Grenzregion bringt Menschen einander näher, allerdings nicht in beiden Richtungen gleichermaßen
Zum ersten Mal wurde die Studie um zusätzliche Stichproben von Einwohnern der Woiwodschaften und Bundesländer an der deutsch-polnischen Grenze, einschließlich Berlin, erweitert. Die Ergebnisse bestätigen die Hypothese, dass die Nähe zur Grenze den Kontakt fördert, insbesondere auf polnischer Seite. Drei Viertel der Polen, die in diesen Regionen leben, waren im Untersuchungszeitraum in Deutschland, während jeder zweite Deutsche aus den angrenzenden Bundesländern Polen besuchte.
Polen aus dem Grenzgebiet geben fast doppelt so häufig wie die übrigen Befragten an, mehrmals in Deutschland gewesen zu sein (53 % versus 28 %), und regelmäßige Besuche sind bei ihnen sogar fünfmal häufiger (15 % versus 3 %). Auf deutscher Seite fahren Bewohner des Grenzgebiets dreimal häufiger regelmäßig nach Polen als andere Deutsche (7 % versus 2 %).
„Die Grenzregion zeigt, dass geografische Nähe zu sozialer Nähe führen kann, dies geschieht jedoch nicht automatisch. Es bedarf guter Verbindungen, der Zusammenarbeit von Institutionen und konkreter Gründe für den Grenzübertritt – von Bildung und Kultur bis hin zu Arbeit, Dienstleistungen und Tourismus“, betont Dr. Agnieszka Łada-Konefał, stellvertretende Direktorin des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt.
Der Kontakt verbessert das Bild vom Nachbarn
Ein persönlicher Aufenthalt geht auf beiden Seiten der Grenze mit einer deutlich besseren Bewertung des Nachbarlandes einher. Polen, die bereits in Deutschland waren, halten das Land deutlich häufiger als Personen ohne solche Erfahrungen für touristisch attraktiv (69 % versus 41 %), sein Straßennetz für gut ausgebaut (81 % versus 55 %) und seine Einwohner für freundlich (46 % versus 24 %).
Ein ähnlicher Zusammenhang lässt sich in Deutschland beobachten. Personen, die Polen besucht haben, empfinden das Land häufiger als touristisch attraktiv (71 % versus 38 %), sicher (56 % versus 27 %) und sauber (53 % versus 25 %) und die Einwohner als freundlich (69 % versus 40 %). Das Fehlen persönlicher Erfahrungen führt dabei häufiger zu der Antwort „schwer zu sagen“ als zu eindeutiger Kritik.
„Die wichtigste Erkenntnis aus der Studie ist einfach: Der direkte Kontakt wirkt. Wer das Nachbarland aus eigener Erfahrung kennt, bewertet es in der Regel besser. Wer es nicht kennt, kann sich häufiger keine Meinung bilden, als dass er eine negative Bewertung abgeben würde. Jugendaustausch, Tourismus und grenzüberschreitende Zusammenarbeit sind also eine Investition in die Beständigkeit der Beziehungen“, sagt Dr. Łada-Konefał.
Zwei positive Bilder, die auf unterschiedlichen Stärken beruhen
Das allgemeine Bild des Nachbarlandes ist in beiden Gesellschaften positiv, beruht jedoch auf unterschiedlichen Stärken. Die Polen bewerten vor allem die deutsche Straßeninfrastruktur (70 %), die touristische Attraktivität (58 %) und das Eisenbahnnetz (54 %) positiv. Die Deutschen nennen am häufigsten die erschwinglichen Preise in Polen (55 %), die Freundlichkeit der Polen (52 %) sowie die touristische Attraktivität des Landes (52 %).
Eine Ausnahme bildet die Sicherheit. Nur 27 % der Polen halten Deutschland für ein sicheres Land, während 30 % gegenteiliger Meinung sind – dies ist der einzige untersuchte Aspekt, bei dem negative Bewertungen überwiegen. Gleichzeitig nehmen 40 % der Deutschen Polen als sicher wahr. Bei den polnischen Eisenbahnen, der Digitalisierung und den Straßen geht der hohe Anteil an „Schwer zu sagen“-Antworten auf deutscher Seite nicht mit einer Überzahl negativer Bewertungen einher, was eher auf ein noch nicht klar ausgeprägtes Bild als auf Kritik hindeutet.
„Das gegenseitige Bild ist besser, als man aufgrund des Tons in Teilen der öffentlichen Debatte annehmen könnte, aber es ist nicht frei von Lücken und neuen Befürchtungen. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Wahrnehmung der Sicherheit in Deutschland durch die Polen. Umgekehrt verfügen viele Deutsche nach wie vor nicht über ausreichende Kenntnisse, um die polnische Infrastruktur oder die Digitalisierung zu beurteilen“, betont Łada-Konefał.
Die Politik kann die Auswirkungen des Kontakts verstärken oder abschwächen
In Polen korreliert das Bild von Deutschland stark mit persönlichen Parteipräferenzen. Die Wähler der Regierungsparteien bewerten Deutschland deutlich positiver als die Wählerschaft der rechten Oppositionsparteien. In Deutschland sind die Unterschiede zwischen den Wählerschaften geringer. Auffällig ist jedoch das relativ positive Bild von Polen bei den AfD-Wählern, die Polen in sechs von acht untersuchten Aspekten die höchsten Bewertungen unter den Wählerschaften der großen Parteien geben.
„Die Kontakte erklären nicht alle Bewertungen. Insbesondere in Polen wird das Bild von Deutschland stark durch politische Sympathien gefiltert. Das bedeutet, dass Politiker und Medien die positiven Auswirkungen persönlicher Erfahrungen verstärken oder abschwächen können. Eine gute Nachbarschaft erfordert die parallele Entwicklung sozialer Kontakte und einer verantwortungsvollen politischen Zusammenarbeit“, fasst Dr. Kucharczyk zusammen.
Die deutsche Herkunft ist nach wie vor ein Pluspunkt für ein Produkt
Die Angabe der deutschen Herkunft eines Produkts regt 38 % der Polen zum Kauf an, während sie 10 % davon abhält. Die größte Gruppe hat keine eindeutige Präferenz. Eine positive Einstellung gegenüber deutschen Waren ist häufiger bei Personen anzutreffen, die Deutschland besucht haben, sowie bei Wählern der Regierungskoalition.
In Deutschland geben 79 % der Befragten an, dass die polnische Herkunft eines Produkts sie weder zum Kauf animiert noch davon abhält. Unter den Übrigen betrachten dreimal so viele Menschen sie eher als Anreiz als Hindernis (12 % versus 4 %). Im Vergleich zu 2013 hat sich die Bilanz der Meinungen über polnische Produkte zum Positiven gewandelt.
Über die Untersuchung
Die Umfrage wurde im Rahmen des regelmäßigen Forschungsprojekts „Deutsch-Polnisches Barometer“ vom Institut für Öffentliche Angelegenheiten, dem Deutschen Polen-Institut, der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit durchgeführt.
Die Umfragen wurden vom Marktforschungsunternehmen Ipsos vom 19. bis 27. August 2026 realisiert mithilfe der CAWI-Methode (unter Verwendung eines Online-Panels) mit je einer repräsentativen Gruppe von 1.000 Einwohnern in Polen und 1.000 Einwohnern in Deutschland im Alter zwischen 18 und 75 Jahren. Beide landesweiten Stichproben von Befragten sind repräsentativ nach Geschlecht, Alter, Bildungsniveau und Wohnort. Zusätzlich wurde im Jahr 2026 die Stichprobe speziell in den Grenzregionen und -bundesländern (einschließlich Berlin) erweitert. Die Durchführung dieser zusätzlichen Befragung wurde im Rahmen des Projekts „Zwischen Berlin und Warschau – 35 Jahre Nachbarschaft“ ermöglicht, das von der LOTTO-Stiftung Berlin gefördert wird.
Die Veröffentlichung enthält den ersten Teil der Ergebnisse aus dem Jahr 2026. Der vollständige Bericht erscheint im November 2026.
Mehr hierzu im Bericht: J. Kucharczyk, A. Łada-Konefał, Deutsche und Polen aus nächster Nähe. Kontakte und Bilder vom Nachbarn 35 Jahre nach der Unterzeichnung des Nachbarschaftsvertrags. Deutsch-Polnisches Barometer – Deutschland 2026. Teil 1. Instytut Spraw Publicznych / Deutsches Polen-Institut. Warszawa / Darmstadt 2026.
Ansprechpartner: Dr. Agnieszka Łada-Konefał, stv. Direktorin, Deutsches Polen-Institut in Darmstadt
lada@dpi-da.de
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Das „Deutsch-polnische Barometer” ist ein Projekt, das seit dem Jahr 2000 regelmäßig die Meinungen von Polen und Deutschen über die gegenseitige Wahrnehmung, die deutsch-polnischen Beziehungen sowie deren aktuelle Herausforderungen erhebt und analysiert. Das Projekt entsteht in Zusammenarbeit des Instituts für Öffentliche Angelegenheiten in Warschau, des Deutschen Polen-Instituts, der Konrad-Adenauer-Stiftung in Polen und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.
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