Zwischen zwei Zeitenwenden – Die deutsch-polnischen Beziehungen inmitten sicherheitspolitischer Umbrüche

24.02.2026
Bastian Sendhardt

Zwischen zwei Zeitenwenden – Die deutsch-polnischen Beziehungen inmitten sicherheitspolitischer Umbrüche

DPI-Blog #139

Europa steht zwischen zwei sicherheitspolitischen Zäsuren. Die erste begann mit der russischen Vollinvasion der Ukraine am 24. Februar 2022 – jenem Datum, das der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz als „Zeitenwende“ bezeichnete. Die zweite Zäsur vollzieht sich seit dem 20. Januar 2025 mit der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus. Auch sie markiert einen Einschnitt, der sich mit Fug und Recht als zweite Zeitenwende beschreiben lässt.

Europa steht zwischen zwei sicherheitspolitischen Zäsuren. Die erste begann mit der russischen Vollinvasion der Ukraine am 24. Februar 2022 – jenem Datum, das der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz als „Zeitenwende“ bezeichnete. Die zweite Zäsur vollzieht sich seit dem 20. Januar 2025 mit der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus. Auch sie markiert einen Einschnitt, der sich mit Fug und Recht als zweite Zeitenwende beschreiben lässt.

Beide Ereignisse haben nicht nur die strategische und geopolitische Lage Europas verändert. Sie wirken tief in die politischen Selbstverständnisse hinein – und prägen damit auch in das Verhältnis zwischen Deutschland und Polen. Die erste Zeitenwende verschob Macht- und Wahrnehmungsachsen innerhalb Europas. Die zweite stellt die transatlantische Grundlage europäischer Sicherheit selbst infrage. Zwischen diesen beiden Einschnitten wird das deutsch-polnische Verhältnis neu vermessen – nicht nur als allein bilaterale Angelegenheit, sondern auch als Teil einer sich wandelnden europäischen und letztlich globalen Ordnung.

2022: Gemeinsame Erschütterung, unterschiedliche Ausgangspunkte

Der russische Angriff auf die Ukraine traf Deutschland und Polen in unterschiedlicher strategischer Verfassung.  Für Polen bestätigte der Krieg eine seit Jahren artikulierte Bedrohungsdiagnose. Warschau hatte früh auf russischen Revisionismus hingewiesen, auf militärische Abschreckung gedrängt und seine Verteidigungsausgaben kontinuierlich erhöht. Mit dem 24. Februar 2022 erschien diese Linie nicht länger als regional gefärbte Warnung, sondern als realistische Einschätzung einer fundamental veränderten Sicherheitslage.

Für Deutschland bedeutete derselbe Tag eine fundamentale Revision seines außen- und sicherheitspolitischen Selbstverständnisses. Die Leitvorstellungen der Ostpolitik – Stabilisierung durch wirtschaftliche Verflechtung, Wandel durch Integration – erwiesen sich angesichts des russischen Angriffskrieges als strategische Fehleinschätzung. Die „Zeitenwende“-Rede von Olaf Scholz im Bundestag war Ausdruck dieser Neubestimmung.

So bewegten sich beide Länder – wenn auch aus unterschiedlichen Richtungen – aufeinander zu. Deutschland entdeckte die Verteidigungspolitik neu, Polen sah sich in seiner sicherheitspolitischen Prioritätensetzung bestätigt. Bemerkenswert war dabei, dass in Deutschland öffentlich und parteiübergreifend anerkannt wurde, dass Warschau mit seiner Bedrohungsanalyse gegenüber Russland seit Jahren realistischer gelegen hat als Berlin. Eine solche explizite Anerkennung polnischer sicherheitspolitischer Einschätzungen war für das bilaterale Verhältnis keineswegs etwas Selbstverständliches.

Die erste Zeitenwende eröffnete damit nicht nur die Möglichkeit einer strategischen Annäherung, sondern auch ein seltenes Fenster politischer Selbstkorrektur (vor allem für Deutschland) und gegenseitiger Neubewertung. Diese Annäherung blieb jedoch eingebettet in eine scheinbar stabile transatlantische Ordnung.

Trump 2.0: Erosion des strategischen Referenzpunkts

Mit der zweiten Trump-Administration verschiebt sich der Rahmen erneut. Nicht allein die Tonlage gegenüber Verbündeten, sondern die Verlässlichkeit der transatlantischen Sicherheitsarchitektur selbst gerät ins Wanken. Was zuvor als temporäre Irritation erschien, gewinnt nun den Charakter einer strukturellen Neubestimmung des Bündnisses.

Für Deutschland verschärft sich dadurch die Führungsfrage: Wie weit kann und muss europäische Verteidigungsfähigkeit vorangetrieben werden, ohne einen offenen Bruch mit Washington zu riskieren? Wie wird eine wachsende militärische Rolle europäisch eingebettet, ohne hegemoniale Reflexe hervorzurufen?  Für Polen bedeutet dieselbe Entwicklung eine strategische Verunsicherung. Seit 1989 stützte sich die polnische Sicherheitskultur wesentlich auf die amerikanische Schutzgarantie. Wenn diese Garantie an Eindeutigkeit verliert, entsteht ein Dilemma zwischen europäischer Handlungsnotwendigkeit und transatlantischer Loyalität.  Beide Länder verlieren damit einen zentralen Referenzpunkt – wenn auch auf unterschiedliche Weise. Die zweite Zeitenwende betrifft sie gleichermaßen, aber nicht auf gleiche Art und Weise.

Zwei Zeitlogiken unter Druck

Die sicherheitspolitischen Reaktionen Deutschlands und Polens folgen unterschiedlichen Zeitlogiken.  Deutschland agiert primär institutionell und langfristig: Aufbau militärischer Fähigkeiten, Einrichtung des Sondervermögens Bundeswehr, Anpassung der haushaltspolitischen Spielräume für dauerhaft höhere Verteidigungsausgaben, europäische Koordination und schrittweise Integration. Die deutsche Strategie setzt auf strukturellen Umbau und institutionelle Verstetigung.

Polen hingegen denkt in unmittelbaren sicherheitspolitischen Kategorien. Als Staat an der NATO-Ostflanke misst es strategische Entscheidungen an konkreter Abschreckungswirkung. Die Bedrohung hat regelmäßig operative Realität zur Folge: Polnische und NATO-Flugzeuge werden wiederholt alarmiert, um den Luftraum zu sichern, wenn russische Drohnen oder Militärmaschinen nahe polnische Grenzregionen vordringen. In solchen Situationen kann der zivile Flugverkehr an Flughäfen im Osten des Landes vorübergehend eingestellt oder Flughäfen ganz geschlossen werden, bis militärische Aktivitäten beendet sind. Solche Vorkommnisse verdeutlichen, wie unmittelbar sich sicherheitspolitische Herausforderungen entlang der NATO-Ostflanke in operative Maßnahmen übersetzen. Vor diesem Hintergrund versucht Warschau, transatlantische Bindungen aufrechtzuerhalten, während zugleich europäische Alternativen ausgebaut werden.

Diese unterschiedlichen Zeitlogiken waren bereits nach 2022 sichtbar. Aufgrund  transatlantischer Unsicherheit treten sie nun schärfer hervor. Beide Länder „spielen auf Zeit“ – Deutschland im Aufbau institutioneller Kapazitäten, Polen im Versuch, strategische Optionen offenzuhalten. Gerade diese Gleichzeitigkeit von Annäherung und Divergenz prägt die aktuelle Gemengelage.

Innenpolitische Dynamiken

Die sicherheitspolitischen Umbrüche wirken in beiden Ländern innenpolitisch.  In Deutschland verläuft die Debatte über Verteidigungsausgaben, militärische Verantwortung und europäische Führungsrolle entlang parteipolitischer Linien, gesellschaftlich jedoch ist sie vergleichsweise konsensfähig geworden. Sicherheitspolitik ist wieder zum Gegenstand breiter politischer Auseinandersetzung geworden, ohne grundsätzlich delegitimiert zu sein.

In Polen hingegen verstärkt die institutionelle Kohabitation zwischen Regierung und Präsident strategische Spannungen. Europäische Verteidigungsinitiativen, demonstrative Nähe zur US-Regierung oder multilaterale Formate werden nicht nur außenpolitisch, sondern auch innenpolitisch bewertet. Sicherheitsfragen sind Teil eines parteipolitischen Konflikts geworden, der strategische Klarheit erschwert.  Beide Länder stehen damit vor der Herausforderung, unter Bedingungen politischer Polarisierung handlungsfähig zu bleiben – wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung.

Das bilaterale Verhältnis im europäischen Kontext

Die deutsch-polnischen Beziehungen stehen folglich nicht isoliert, sondern im Zentrum einer europäischen Neujustierung.  Objektiv teilen beide Länder zentrale Interessen:  Abschreckung an der Ostflanke,  Unterstützung der Ukraine,  Stabilität in Europa,  Stärkung europäischer Verteidigungsfähigkeit.

Zugleich bestehen Wahrnehmungsdifferenzen. In Polen wirkt Skepsis gegenüber deutscher Entschlossenheit fort; in Deutschland existieren weiterhin implizite Hierarchisierungen im Blick auf den östlichen Nachbarn. Solche Deutungsmuster erschweren strategische Abstimmung selbst dann, wenn Interessen konvergieren.  Die erste Zeitenwende bot die Chance, asymmetrische Erwartungshaltungen zu überwinden und eine Partnerschaft auf Augenhöhe zu etablieren. Die zweite Zeitenwende erhöht den Druck, diesen Schritt tatsächlich zu vollziehen.

Gestaltung oder strukturelle Divergenz?

Zwischen diesen zwei Zeitenwenden entscheidet sich, ob Deutschland und Polen ihre sicherheitspolitische Zusammenarbeit vertiefen oder in unterschiedlichen strategischen Rhythmen verharren.  Gestaltung würde bedeuten,  die jeweiligen Zeitlogiken zu synchronisieren,  militärische und rüstungsindustrielle Kooperation systematisch auszubauen,  und politische Führung trotz innenpolitischer Belastungen zu übernehmen.

Bleibt diese Synchronisierung aus, droht keine offene Konfrontation – wohl aber eine schleichende Divergenz: parallele Strategien, unterschiedliche Prioritäten, begrenzte Koordination.  Die erste Zeitenwende brachte Deutschland und Polen näher zusammen. Die zweite stellt diese Annäherung auf die Probe.  Inmitten sicherheitspolitischer Umbrüche wird sich zeigen, ob das deutsch-polnische Verhältnis zu einem stabilisierenden Faktor europäischer Sicherheit wird – oder Teil strategischer Unsicherheit bleibt.

 

Der Text entstand im Rahmen des Projekts „Zeitenwende in den deutsch-polnischen Beziehungen? Die neue Rolle Polens in Europa nach dem 24. Februar 2022”, das vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt (DPI), dem Jan-Nowak-Jeziorański-Kolleg für Osteuropa in Wojnowice (KEW) und der Technischen Universität Chemnitz (TU Chemnitz) durchgeführt und von der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung (DPWS) unterstützt   wird.