Waffen als Form der Wiedergutmachung – konstruktive Idee, Wahrung deutscher Interessen, Bevormundung?

19.02.2026
Dr. Agnieszka Łada-Konefał

Waffen als Form der Wiedergutmachung – konstruktive Idee, Wahrung deutscher Interessen, Bevormundung?

DPI-Blog #138

Wolfgang Ischinger hatte sicherlich gute Absichten, als er vorschlug, dass Deutschland Polen im Rahmen der erwarteten Reparationen militärische Ausrüstung schenken sollte, aber er verfiel damit in typische Muster der deutsch-polnischen Beziehungen. Seine Worte zeigen, dass eine vereinfachte Zusammenführung von Debatten über Wiedergutmachung und Militär im deutsch-polnischen Kontext leicht zu Missverständnissen führen kann.

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U.S. Army Soldiers host range day for German and Polish partners

Wolfgang Ischinger hatte sicherlich gute Absichten, als er vorschlug, dass Deutschland Polen im Rahmen der erwarteten Reparationen militärische Ausrüstung schenken sollte, aber er verfiel damit in typische Muster der deutsch-polnischen Beziehungen. Seine Worte zeigen, dass eine vereinfachte Zusammenführung von Debatten über Wiedergutmachung und Militär im deutsch-polnischen Kontext leicht zu Missverständnissen führen kann. 

In einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt” schlug Wolfgang Ischinger – ein erfahrener deutscher Diplomat und Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz – vor:

„Polen ist Frontstaat. Und es gibt aus polnischer Sicht die ungelöste Reparationsfrage, die immer noch herumschwirrt. Wie wäre es denn, wenn Deutschland in Anerkennung der Frontstaatrolle Polens ein U-Boot, eine Fregatte oder einige Kampfpanzer an Warschau schenkt? Deren Verteidigungsleistung schützt auch uns. Wir haben jetzt viel Geld für Verteidigung – ein kleiner Teil davon geht nach Polen.“

In den polnischen Medien, die diese Äußerung zusammenfassten, und in einzelnen deutschen Berichten sticht vor allem ein Satz hervor: Deutschland könne Polen als Reparationsleistung ein U-Boots, eine Fregatte oder einen Panzer schenken. Das sind natürlich die entscheidendsten und polarisierendsten Worte. Sie sind aber besonders interessant, wenn man den Kontext der Äußerung und ihre Einbettung in die Realität der polnisch-deutschen Kommunikation berücksichtigt.

Erstens brachte der ehemalige Diplomat diese Idee in Bezug auf die beobachteten polnischen (und anderen) Befürchtungen hinsichtlich der Stärkung der deutschen Armee vor. Im vorigen Absatz sagte er: „In Gesprächen mit Partnern in Paris und auch Polen spüre ich, dass manchmal alte Vorbehalte wieder hochkommen – die Sorge vor deutscher Dominanz. Wir müssen deshalb mit Fingerspitzengefühl vorgehen.“ Diese Feststellung scheint nur auf den ersten Blick richtig zu sein. Tatsächlich gibt es Stimmen, die behaupten, die deutsche Aufrüstung könnte für Polen beunruhigend oder sogar gefährlich sein. Diese Stimmen kommen jedoch hauptsächlich aus dem rechten Lager der polnischen Politik und richten sich an ein Publikum, das sich gerne an antideutschen Unterstellungen ergötzt. Wie das Deutsch-Polnische Barometer 2025 zeigt, glaubt die Hälfte der Polen, dass eine starke Bundeswehr die Sicherheit Polens stärken wird, während nur ein Viertel der Befragten aus historischen Gründen dagegen Bedenken hat. Die Debatten in Polen zeigen jedoch oft, dass die Bevölkerung dort eher an einer deutschen Unterstützung in dem Fall zweifelt, in dem die aktuelle Lage reale militärische Hilfe für Polen erfordert. Das sind weitaus begründete Bedenken, die thematisiert und durch konkrete deutsche Maßnahmen minimiert werden sollten.

Zweitens hat Ischinger in seiner Äußerung weniger seine eigene Forderung vorgebracht, als vielmehr auf die Ideen von Janusz Reiter, dem ehemaligen polnischen Botschafter in Deutschland und den Vereinigten Staaten, Bezug genommen, der ihm die oben genannte Lösung vorgestellt haben soll.  Eine solche Rücksprache mit einem Polen kann generell als sinnvoll bewertet werden. Allzu oft wird den Deutschen nämlich – nicht zu Unrecht – vorgeworfen, dass sie Ideen vorbringen, die sie selbst für richtig halten, ohne dabei die Stimmen aus Polen selbst  in Betracht zu ziehen. Ob diese Form der Wiedergutmachung und die Verknüpfung dieser beiden Fragen richtig ist, kann bei einer Analyse der polnischen Debatte zu den beiden Themen Zweifel aufwerfen – wie im Folgenden dargelegt wird.

Drittens fuhr Ischinger fort: „Es wird darauf ankommen, den Partnern klarzumachen: Wir investieren nicht, um eine dominante Rolle zurückzugewinnen, sondern um Europa verteidigungsfähig zu machen. Das gilt es übrigens auch immer zu betonen, wenn unsere Regierung sagt, die Bundeswehr solle die stärkste konventionelle Armee Europas werden. Das ist kein Selbstzweck, sondern ein Beitrag zur Verteidigung aller auf diesem Kontinent.“ Seit Jahren kommt gerade aus Polen der Aufruf an die Verbündeten, die Verteidigungsfähigkeiten Europas zu stärken. Daher könnte in Polen diese Äußerung in diesem Kontext für bare Münze genommen werden. Ischinger selbst räumte jedoch in dem zu Beginn zitierten Ausschnitt ein, dass eine verstärkte Verteidigung Polens auch mehr Sicherheit für Deutschlands bedeute – er wies also ausdrücklich darauf hin, dass es hier nicht um eine rein moralische Geste der „Wiedergutmachung” oder um die Unterstützung der europäischen Sicherheit gehe, sondern um die Interessen Deutschlands selbst.

Wie in den polnisch-deutschen Beziehungen üblich, wurden Ischingers Worte sofort von den polnischen Medien zitiert, wobei hauptsächlich seine Thesen zusammengefasst wurden (wie unten beschrieben). Eine sachliche Reaktion kam hingegen aus derselben deutschen Tageszeitung, in der die oben genannten Sätze gefallen waren. Der Korrespondent der „Welt” in Polen, Philipp Fritz, verfasste einen sehr kritischen Text zu Ischingers Äußerungen mit dem klaren Titel: „Sorry, aber das Boomland Polen braucht keine deutschen Waffen”. In einem anderen Artikel, der er gemeinsam mit seinem Redaktionskollegen Thorsten Jungholtz veröffentlichte, zitierte er wiederum deutsche Politiker, die sich kritisch über die Idee des Leiters der Münchner Konferenz äußerten. Und genau diese beiden Texte wurden dann von einigen wenigen deutschen Portalen aufgegriffen.

Ischingers Äußerung ist im Kontext der deutsch-polnischen Beziehungen und insbesondere in der selbigen Kommunikation aus mehreren Gründen interessant. Sie weist nämlich viele Merkmale auf, vor allem: Sie lässt bestimmte Fakten aus, bezieht sich auf andere indirekt und einseitig sowie festigt das typische Schema des Umgangs der Deutschen mit Polen.

 

Einige Fakten und Chronologie

 

Erstens ist es eine Tatsache, dass die polnische Armee in den vergangenen Jahrzehnten von der Bundeswehr Panzer (auf der Grundlage des Kaufs gebrauchter Einheiten in den Jahren 2002-2013) oder Flugzeuge vom Typ Mig aus den Beständen der DDR-Volksarmee (im Jahr 2003, mehrere Stück für einen symbolischen Euro pro Flugzeug, die Modernisierung wurde danach von Polen selbst durchgeführt) gekauft hat, die damals zur Stärkung ihrer Verteidigungsfähigkeit beitrugen. Im Kontext der gesamten deutsch-polnischen Beziehungen können diese Jahre als eine Phase weiterhin großer Asymmetrie in den gegenseitigen Beziehungen bezeichnet werden. Solche Gesten – wobei wir bedenken müssen, dass es sich dabei nicht um reine Spenden handelte – bestärkten Deutschland in seiner paternalistischen Haltung gegenüber dem „Beschenkten”. Objektiv betrachtet sollte jedoch bedacht werden, dass es sich zwar um eine unbestreitbare Unterstützung der polnischen Armee handelte, doch der Verkauf von veralteter, nicht mehr nötiger Ausrüstung an die Nachbarn – selbst für einen symbolischen Euro – nicht als Geste außergewöhnlicher Großzügigkeit angesehen werden kann.

Zweitens sind der Zustand der polnischen Armee vor Jahren und ihre aktuellen Anforderungen und Ambitionen zwei völlig verschiedene Welten. Gerade die reale Entwicklung der polnischen Armee (und allgemein Polens) ist der Hauptgrund für Philipp Fritz' Kritik an Ischingers Vorschlag. Der Journalist zählt auf, welche Waffen Polen bereits besitzt oder bestellt hat und wie modern diese Ausrüstung ist. Angesichts des Kaufs von Produkten aus Ländern wie den USA, Schweden oder Südkorea entspricht ein gebrauchtes Geschenk aus Deutschland nicht den Bedürfnissen der polnischen Armee, da es lediglich die Herkunftsquellen der Waffen weiter aufsplittern würde, was logistisch gesehen unpraktisch ist. Einer der polnischen Texte, der die Vorschläge von Ischinger unter dem Gesichtspunkt des Bestands beider Armeen analysiert, weist auch darauf hin, dass die Bundeswehr keine für Polen wirklich interessante Ausrüstung zu bieten hat. Was sie wiederum hat, ist die moderne Technologie, die aber selten ein Land und vor allem nicht seine Rüstungsindustrie mit den anderen teilen will. Fritz schließt seine Aufzählung der polnischen Waffen ironisch wie folgt ab: „Wer das sieht, muss sich eher wünschen, dass Polen Deutschland Waffen schenkt.“

Gleichzeitig appelliert die derzeitige polnische Regierung an ihre Verbündeten in der NATO und der Europäischen Union, sie zu unterstützen und gemeinsam Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit in der Region angesichts der realen Gefahr durch Russland zu ergreifen. Die Patriot-Raketen der Bundeswehr waren zusammen mit deutschen Truppen noch vor kurzem im Rahmen ihres NATO-Einsatzes an der polnischen Ostgrenze stationiert und trugen real zum Schutz des polnischen Luftraums bei. Derartige Maßnahmen sind „willkommen“.

 

Kritische Bewertung des Vorschlags

Daher der Vorschlag, wie Ischinger erwähnte, von Janusz Reiter und anderen polnischen Experten, dass Investitionen in die polnische Armee Teil einer Geste sein sollten, mit der Deutschland seine Bereitschaft zu einer zumindest teilweisen Wiedergutmachung der Kriegsschäden bekunden will. Hierbei muss jedoch unterschieden werden, um welche Art von Unterstützung es sich handelt – um ein Geschenk, wie es der Leiter der Münchner Konferenz formulierte, in Form eines Panzers oder einer Fregatte, oder um groß angelegte Zusammenarbeit und Investitionen.

Unabhängig von dieser Unterscheidung fand diese Idee keine Unterstützung seitens der aktuellen polnischen Regierung (worüber Fritz in seiner Polemik ebenfalls schreibt). Sie wurde während der Regierungskonsultationen im Sommer 2024 als mögliche Lösung für die heikle Frage der Reparationen diskutiert, aber nicht als Teil der daraus resultierenden gemeinsamen Agenda verkündet. Donald Tusk befürchtet nämlich, dass die Opposition und ein Großteil der polnischen Bevölkerung dies angesichts des Ausmaßes der Kriegszerstörungen als zu geringfügige Geste betrachten würden. Diese Geste wäre, wie Ischinger selbst zugab, gleichzeitig auch für Deutschland von Vorteil, was ihre moralische Seite und Selbstlosigkeit untergraben würde. Und hier kommen wir zu einem der zentralen Punkte der deutsch-polnischen Beziehungen: Die Polen sehen in den deutschen Vorschlägen oft weniger moralische oder partnerschaftliche Motive, wie ihre westlichen Nachbarn versichern, sondern vielmehr rein nationale deutsche Interessen. Das ist natürlich das Anliegen eines jeden Staates, aber wenn jemand aus Deutschland sie gegenüber den Polen mit Beteuerungen ihrer edlen Motive umhüllt, sticht besonders ins Auge. Daher kam Piotr Buras vor den erwähnten Konsultationen im Jahr 2024 mit dem Vorschlag, das Thema Wiedergutmachung mit der militärischen Zusammenarbeit zu verbinden (als eine der Säulen neben den Zahlungen an die Opfer des Nazi-Regimes). Heute betont er, zitiert von der „Welt”, dass in diesem Zusammenhang keinesfalls von „Beschenkt werden” die Rede sein darf.

Das hatte auch der polnische Präsident Karol Nawrocki von deutscher Seite nicht erwartet, als er das Thema bei seinem ersten Besuch in Berlin im September 2025 ansprach. Er schlug vor, dass Deutschland mit der Zahlung von Reparationen beginnen könnte, indem es die Kapazitäten der polnischen Rüstungsindustrie ausbaut und die Ostflanke der NATO stärkt. Der polnische Präsident formulierte dies als „Finanzierung der polnischen Rüstungsindustrie und der militärischen Fähigkeiten”, räumte jedoch ein, dass die Idee noch ausgearbeitet werden müsse.

Zu dieser Liste von nicht ganz präzisen Vorschlägen, die in der Öffentlichkeit kursieren, gehört auch eine frühere Idee von Ischinger. Nach den Angriffen russischer Drohnen auf Polen im Herbst 2025 schlug er eine finanzielle Unterstützung Deutschlands für die polnische Rüstung vor. Dies würde Polen unterstützen, das mit diesem Geld wiederum Waffen und Munition, insbesondere von deutschen Herstellern, kaufen würde, so der Diplomat weiter. „Neben einer sichtbaren Stärkung der Nato-Ostflanke könnten wir damit das deutsch-polnische Klima verbessern und vielleicht auch polnischen Reparationsforderungen etwas Wind aus den Segeln nehmen”. In den empfindlichen Ohren der Polen war das klare Ziel dieses Manövers sofort zu hören – zusätzliche Abnehmer für die deutsche Rüstungsindustrie zu organisieren und nebenbei das Problem der Reparationen „loszuwerden”. Zwei Fragen, die nicht nur die polnische Rechte als kritisch bewertet.

Kehren wir jedoch noch einmal zu Ischingers letztem Vorschlag zurück – Waffen als Form der Wiedergutmachung. In Deutschland zeigen die befragten Experten derzeit keine Begeisterung für die Idee, Polen mit Ausrüstung zu beschenken. „Die Welt” zitiert den deutschen Experten Carlo Masala, der die Idee als „bizarr” bezeichnet und seine Meinung mit dem Entwicklungsstand der polnischen Armee begründet, die solche Geschenke nicht benötigt. Obwohl er selbst kein Experte für deutsch-polnische Beziehungen ist, hält er Ischingers Worte für „paternalistisch”. Die zitierten deutschen Politiker, die sich mit Verteidigung befassen (Marie-Agnes Strack-Zimmermann, FDP, Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Europäischen Parlament, Thomas Erndl, CSU, verteidigungspolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, der außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Adis Ahmetović  oder die stellvertretende Chefin der Grünen-Fraktion im Bundestag, Agnieszka Brugger) weisen hingegen vor allem auf die Notwendigkeit einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit hin, die Vertrauen schafft, anstelle von symbolischen Geschenken. Sie räumen auch ein, dass es wohl weniger die Größe der deutschen Armee ist, die Befürchtungen weckt, als vielmehr die Unsicherheit, inwieweit man sich im Ernstfall wirklich auf die Deutschen verlassen kann. Diese Stimmen wurden, das sei ausdrücklich betont, von der Tageszeitung „Die Welt” gesammelt und in ihrem Text veröffentlicht, während einzelne, wenig bekannte deutsche Portale sie lediglich wiedergegeben haben. Das Thema ist also keineswegs zu einer echten deutsch-polnischen Debatte geworden.

Die polnischen Reaktionen scheinen zahlreicher zu sein und ähneln daher eher einer Debatte oder einer breiteren Reaktion. Allerdings sollte man hier die Reichweite nicht überschätzen. Zwar wurde über die Äußerungen Ischingers in vielgelesenen polnischen Nachrichtenportalen berichtet, sodass sie zweifellos viele Leser erreichten. Kennzeichnend für die deutsch-polnischen Debatten ist, dass die polnischen Portale deutsche Artikel zitierten, wobei sie sich auf Zusammenfassungen stützten, die von der polnischsprachigen Redaktion der Deutschen Welle oder der Polnischen Presseagentur PAP erstellt worden waren, und diese oft kürzten und/oder mit einem eigenen, stark emotionalisierten Titel versehen. So betitelt eines der Portale seinen Artikel: „Überraschender Vorschlag eines deutschen Diplomaten” und fügt in den folgenden Zeilen hinzu: „Er stellte eine kühne Vision zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Berlin und Warschau vor”, während ein anderes titelt: „Waffen für Polen statt Reparationen. In Deutschland sind Stimmen des Widerstands zu hören.” Auf der Website des polnischen Fernsehsenders TVP lesen wir hingegen „Eine seltsame Idee eines deutschen Diplomaten”. Gleichzeitig – das sollte betont werden – konzentrieren sich all diese Berichte auf den Inhalt eines einzigen Interviews, das von einem Experten gegeben wurde, der jedoch in keiner Weise die deutsche Regierung vertritt, und das – wie man zugeben muss – von einer deutschen Zeitung sachlich und ausführlich kommentiert wurde. Die Überschriften der polnischen Portale suggerieren hingegen eine breite deutsche Debatte – wieder einmal, wie so oft, wenn polnische Portale sich auf einzelne Äußerungen von jemandem aus Deutschland beziehen.

 

Und doch wichtig

Warum sind die Worte von Wolfgang Ischinger also bemerkenswert? Denn auch wenn sie nicht in längeren Texten kommentiert wurden, stammen sie doch von einem sehr meinungsbildenden Experten, dessen Worte weite Kreise der deutschen Politik erreichen und die Denkweise vieler Entscheidungsträger über Polen widerspiegeln und festigen. Wieder kann man sich auf Fritz beziehen, der die Idee selbst als „sicherlich wohlmeinend”, aber in der Praxis völlig verfehlt bezeichnet – ähnlich wie viele andere Ideen oder Äußerungen von Deutschen, die weder die polnischen Realitäten noch die deutsch-polnischen Debatten kennen. „Dennoch haben viele in Polen immer noch den Eindruck, Berlin möchte Warschau nicht auf Augenhöhe begegnen. Paternalistische Wortmeldungen wie die von Ischinger tragen dazu bei.”

Diese Aussage zeigt gleichzeitig, wie heikel es ist, die Debatte über die polnischen Erwartungen hinsichtlich der Wiedergutmachung mit der Debatte über die Unterstützung der Sicherheit Polens zu verbinden. Es ist nämlich sehr leicht, beide Themen zu vereinfachen, indem man ungenaue oder verdrehte Formulierungen verwendet und dadurch nur Kommunikationschaos und weitere deutsch-polnischen Missverständnisse erzeugt. In diese Falle können sowohl Sicherheitsexperten tappen, die sich mit den Beziehungen zwischen beiden Ländern und deren Entwicklungsstand nicht auskennen, als auch Personen, die sich mit diesen Verhältnissen befassen, aber keine Kenntnisse in Fragen der Verteidigungspolitik und des Militärs haben. Denn tatsächlich steckt der Teufel im Detail –  die von Nawrocki erwähnte Finanzierung der polnischen Verteidigungsindustrie ist etwas anderes als die Übergabe von, wie Ischinger es formuliert, nicht näher bezeichneten einzelnen militärischen Ausrüstungsgütern an Polen oder die Gewährung finanzieller Hilfe, damit Polen von Deutschland kaufen kann. Noch etwas anderes ist die Vertiefung der militärischen Zusammenarbeit und das Engagement für die Stärkung der Ostflanke der NATO – letzteres liegt offensichtlich im Interesse sowohl Polens als auch Deutschlands, vor allem im Rahmen der bestehenden Bündnisse. Umgekehrt wird jede deutsche Geste, die zum „Wiedergutmachungspaket” gezählt wird, in Polen Zweifel hinsichtlich ihres Umfangs hervorrufen, die je nach politischer Einstellung sicherlich unterschiedlich ausfallen werden. In jedem Fall ist daher in der Kommunikation auf beiden Seiten äußerste Sensibilität erforderlich.

 

Der Text entstand im Rahmen des Projekts „Zeitenwende in den deutsch-polnischen Beziehungen? Die neue Rolle Polens in Europa nach dem 24. Februar 2022”, das vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt (DPI), dem Jan-Nowak-Jeziorański-Kolleg für Osteuropa in Wojnowice (KEW) und der Technischen Universität Chemnitz (TU Chemnitz) durchgeführt und von der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung (DPWS) unterstützt   wird.