Polens Initiativen für einen guten Zweck
DPI-Blog #145
Von 10 Mio. Zloty auf 2,3 Mrd. Zloty in 20 Jahren. 250 Mio. Zloty in 9 Tagen und ein Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde.
Ein ganzes Land in Plakaten und Anzeigen, die dazu aufrufen, eine gemeinnützige Organisation zu unterstützen – im Frühling kann man als ausländischer Tourist in Polen leicht den Eindruck gewinnen, dass die Polen ein außerordentlich großzügiges Volk sind und dass Werbung für Spendenaktionen kommerzielle Werbung zahlenmäßig übertrifft.
Tatsächlich hört und liest man in dieser Zeit im Radio bzw. auf Straßenplakaten, auf Bildschirmen im öffentlichen Nahverkehr und in Zeitungen immer wieder Aufrufe, eine bestimmte Initiative finanziell zu unterstützen – seien es ältere zurückgelassene Tiere, die einen liebevollen Lebensabend verdienen oder krebs- und palliativkranke Kinder, die Medikamente, Behandlungen oder Equipment benötigen. Nicht selten werben bekannte Schauspieler mit Hunden und Katzen auf dem Arm für Tierheime oder fungieren als Aushängeschilder bekannter Stiftungen.
Dabei geht es nicht in allen Fällen um tatsächliche Spenden, sondern darum, in der Steuererklärung anzugeben, für welchen guten Zweck man die rechtlich festgelegten 1,5% der individuellen Steuerlast (die 1,5% werden nicht von der Steuer abgesetzt, sondern direkt von der Steuerlast abgezogen) einzahlen möchte. Der Staat verzichtet somit auf einen Bruchteil der Steuer; für den Steuerzahler macht es finanziell keinen Unterschied. Fehlt eine solche Angabe in der Steuererklärung, bleibt die gesamte Steuer in den Händen des Staates.
Wie funktioniert das Ganze?
Zwischen dem 15. Februar und dem 30. April haben natürliche Personen in Polen Zeit, ihre Steuererklärung für das vorherige Jahr einzureichen. Dies können sie entweder in Papierform oder elektronisch tun. Seit 2009 existiert das Programm „e-PIT", mit dem Pol:innen ihre Steuererklärung ganz bequem von Zuhause aus an das Finanzministerium schicken können. Seit dem 1. Januar 2019 haben Pol:innen zusätzlich die Möglichkeit, sich ihre Steuererklärung automatisch vom Finanzministerium vorbereiten zu lassen. Die als „Twój e-PIT” („Dein e-PIT” vom englischen „Personal Tax Income”) bekannte Funktion erstellt eine vorläufige Version der Steuererklärung anhand von Steuerformularen über Einkünfte, einbehaltene Lohnsteuer, Sozialversicherungsbeiträge und weitere Abzüge, die von Arbeitgebern, Bankinstituten und anderen Institutionen ausgestellt und beim Finanzamt eingereicht werden. Ein paar Klicks, eventuelle Angaben, die die Steuerlast zusätzlich senken – und die Steuererklärung kann ans Finanzministerium geschickt werden.
Bevor die Steuerzahler die Steuererklärung jedoch abschicken, können sie die KRS-Nummer (die Registriernummer im Nationalen Gerichtsregister - Krajowy Rejestr Sądowy) einer Organisation von öffentlichem Nutzen (Organizacje Pożytku Publicznego - OPP) eingeben und ihr so 1,5% der Steuerlast übergeben. Alles Weitere übernimmt das Finanzministerium.
Kapitalgesellschaften können von diesem Mechanismus jedoch keinen Gebrauch machen.
Ein paar Zahlen…
Seit 2004 besteht dieser Mechanismus bereits und die Beteiligung daran wächst stetig. Im ersten Jahr waren es 10,4 Mio. Zloty (2,5 Mio. Euro), die an die OPPs gingen. Für das „Steuerjahr” 2018 waren es 2019 bereits 874,4 Mio. Zloty (208 Mio. Euro)[1] und für das Jahr 2024 waren es im darauffolgenden Jahr ganze 2,3 Mrd. Zloty (541 Mio. Euro)[2] ‒ ca. 379 Mio. Zloty (90 Mio. Euro) mehr als im Vorjahr. Ob dieser Betrag in diesem Jahr wieder übertroffen werden kann, wird in den kommenden Monaten bekannt.
Nach Angaben des polnischen Finanzministeriums haben 2025 16 Mio. Menschen in ihrer Steuererklärung eine OPP angegeben, der das Finanzministerium ihre 1,5% übergeben soll.
Für das Jahr 2024 wurden die folgenden drei Organisationen mit den höchsten Beiträgen unterstützt:
● die Kinderstiftung „Zdążyć z Pomocą”, die kostspielige Operationen, Spezialbehandlungen und langwierige Rehabilitationen finanziert (375 Mio. Zloty - 90 Mio. Euro),
● die Hilfsstiftung „Siepomaga”, die als Plattform für Institutionen und Privatpersonen zum Spendensammeln dient (199 Mio. Zloty - 50 Mio. Euro),
● die Stiftung „Avalon”, die Menschen mit Behinderungen unterstützt (108 Mio. Zloty - 26 Mio. Euro)
Insgesamt wurden für das Jahr 2024 24,8 Mio. Steuererklärungen eingereicht. Das bedeutet, dass weiterhin ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung keine Organisation angegeben hat. Die OPPs bemühen sich in ihren Werbeaktionen auch darum, diese Menschen zu erreichen
Warum entscheiden sich viele weiterhin nicht dafür, 1,5% für einen guten Zweck einzahlen zu lassen?
● Zu geringes Einkommen: Personen, deren Jahreseinkommen 30.000 Zloty (7.500 Euro) nicht überschritten hat, sind von der Einkommensteuer befreit (Steuerfreibetrag). Wenn die Steuerschuld 0 Zloty beträgt, gibt es keine Bemessungsgrundlage für die Berechnung von 1,5% zugunsten einer OPP.
– „Es ist zu beachten, dass nicht alle Haushalte Einkommensteuer zahlen und daher keinen Steuerabzug zugunsten gemeinnütziger Organisationen vornehmen können. Dies gilt unter anderem für Landwirte, die anstelle der Einkommensteuer eine Agrarsteuer entrichten, sowie für Personen, deren Einkommen unter dem Freibetrag liegt“, erklärt Dr. Konrad Walczyk, stellvertretender Direktor des Institut für Wirtschaftsentwicklung der Handelshochschule Warschau.[3]
● Unwissenheit oder Untätigkeit: Trotz der Automatisierung reichen einige Personen ihre Steuererklärung weiterhin in Papierform ein, sodass sie die OPP selbst angeben müssen. Wenn der Steuerzahler das entsprechende Feld mit der KRS-Nummer nicht ausfüllt, geht die anfallende Steuer an den Staat.
“Über 5 % der Befragten gaben an, dass sie dies nicht tun werden, weil sie nicht wissen, wie man einen solchen Steuerabzug vornimmt.”[4]
Dazu kommt, dass im elektronischen Formular „Twój e-PIT” die gemeinnützige Organisation automatisch erscheint, an die im Vorjahr Geld überwiesen worden ist. Wenn beispielsweise die betreffende Organisation nicht mehr existiert oder entsprechende Anforderungen nicht erfüllt sind (z. B. weil sie ihr Konto nicht bis zum 30. Juni 2026 gemeldet hat), kommt das Geld nicht bei der OPP an.
● Rentner und Pensionäre: Ein Teil der Rentner reicht keine Steuererklärung ein, da dies die polnische Sozialversicherungsanstalt (ZUS) für sie übernimmt. Wenn sie keine zusätzliche Erklärung (PIT-OP) einreichen, werden ihre 1,5% nicht für einen bestimmten Zweck, sondern nur in den allgemeinen Haushaltstopf überwiesen.
● Mangelndes Vertrauen oder Gleichgültigkeit: Manche Bürger haben kein Vertrauen in Nichtregierungsorganisationen oder identifizieren sich mit keinem wohltätigen Zweck, da sie der Meinung sind, der Staat solle sich selbst um Bedürftige kümmern.
„Die beobachteten Zuwächse in diesen Kategorien zeigen, dass weiterhin Aufklärungskampagnen notwendig sind, um die Zahl der Steuerzahler zu erhöhen, die wohltätige und karitative Zwecke unterstützen. Wichtig ist auch, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass die Steuerzahler tatsächlich darüber entscheiden, wohin ein Teil ihrer Steuer fließt – bemerkt Agnieszka Kozioł, Leiterin der Abteilung für Forschung und Analyse beim Verband der Finanzunternehmen in Polen.”[5]
Welche Anforderungen müssen Organisation von öffentlichem Nutzen erfüllen?
Eine Nichtregierungsorganisation muss zunächst beim KRS einen Antrag stellen. Wenn sie alle gesetzlich festgelegten Voraussetzungen erfüllt, erhält sie den Status einer Organisation von öffentlichem Nutzen (OPP). Der Erwerb des OPP-Status wird durch einen entsprechenden Eintrag im KRS bestätigt.
Neben der Möglichkeit, die 1,5% zu erhalten, sind die OPPs dazu verpflichtet, strengere Selbstkontrollmechanismen einzuführen sowie Transparenz bei den Aktivitäten und Finanzen zu gewährleisten. Die Berichte der OPPs sowie eine aktuelle Liste dieser Organisationen werden auf der Website des Narodowy Instytut Wolności – Centrum Rozwoju Społeczeństwa Obywatelskiego (Nationales Freiheits-Institut – Zentrum für die Entwicklung der Zivilgesellschaft) veröffentlicht.[6]
Nicht nur der Steuermechanismus schafft Wege, um Gutes zu tun….
Am letzten Aprilwochenende versetzte eine Spendenaktion für krebskranke Kinder die Gesellschaft in einen Ausnahmezustand.
Am 14. April 2026 erschien im Internet der Song „Ciągle tutaj jestem (diss na raka)“ („Ich bin immer noch hier – Diss gegen den Krebs”), aufgenommen von Rapper „Bedoes 2115" zusammen mit der 11-jährigen Maja Mecan, einer Krebspatientin, die von der Stiftung „Cancer Fighters" in ihrem Kampf gegen eine aggressive Leukämie unterstützt wird.
Am 17. April 2026 startete der Influencer und YouTuber Patryk „Łatwogang“ Garkowski auf seinem YouTube-Kanal einen Livestream, in dem er angekündigt hat, 9 Tage lang das Lied von Bedoes zu hören, währenddessen Zuschauer beliebige Beträge für die Stiftung Cancer Fighters einzahlen konnten ‒ alles ohne Provisionen und mit eingeblendeten Spendenzähler. Das primäre Ziel waren 500.000 Zloty, doch die Aktion erreichte schnell einen siebenstelligen Betrag.
Neben polnischen Schauspieler:innen, Musiker:innen und Influencer:innen wurde die Initiative von Robert Lewandowski unterstützt, der sich neben der Versteigerung von signierten FC Barcelona-Trikots auch zum Live-Stream zuschaltete und ein Video veröffentlichte, in dem er das Lied von Bedoes und Maja sang. Auch Unternehmen, wie die ING Bank Śląski oder Eveline Cosmetics beteiligten sich finanziell an der Aktion.
Symbolisch waren die Gesten von Bedoes 2115, der sich – wie zuvor angekündigt – Haare, Bart und Schnurrbart abrasierte, sich Tattoos im Zusammenhang mit der Aktion stechen ließ und eine der höchsten Einzelspenden in der Geschichte polnischer Charity-Streams leistete.[7] Nachdem weitere finanzielle Meilensteine erreicht wurden (46 Mio. Zloty bzw. 55 Mio. Zloty - um die 10 bzw. 15 Mio. Euro), rasierten sich auch weitere Persönlichkeiten, wie die international bekannte Influencerin Maffashion und die Sängerin Katarzyna Nosowska, die Haare.
Ein neuer Guinness-Buch Rekord
Am Sonntag, dem 26.04. um 22 Uhr endete die Spendenaktion mit 251 Mio. Zloty (59 Mio. Euro), die zu hundert Prozent an die Stiftung Cancer Fighters gehen.
Die polnische Aktion übertraf das Ergebnis der amerikanischen Content-Creators „MrBeast" und „xQc" vom August 2025, die während der „Team Water“-Übertragung rund 12 Millionen Dollar gesammelt hatten und des französischen Events „Z Event 2025", als eine Gruppe von über 300 Streamern 16,2 Millionen Euro sammelte.[8]
Die Organisatoren selbst wollen für die Aktion weder Dank noch Auszeichnungen: „Wir lehnen auch jegliche Verdienstorden ab; stattdessen bitten wir darum, diese an Krankenpfleger, Krankenschwestern, Ärzte und Ärztinnen zu verleihen, die jeden Tag kämpfen müssen und wir appellieren, den 26. April zum Tag des Kampfes gegen den Krebs zu erklären“, heißt es in der Erklärung. Auf diesen Appell hat sich bereits zuvor Sejm-Marschall Włodzimierz Czarzasty bezogen.[9] Sollten die Organisatoren diesen Wunsch auf nationaler Ebene umsetzen und einen polenweiten Feiertag einführen wollen, wird die Sejm-kanzlei sie bei diesem Vorhaben unterstützen. Czarzasty betonte jedoch, dass dies keinen politischen Hintergrund habe.[10]
Zweifellos ist es eine der größten Erfolgsgeschichten des polnischen Internets.[11] Eine beispiellose Graswurzelbewegung ohne das ursprüngliche Engagement von Politik und Wirtschaft, die die jüngeren Generationen so bewegt hat, wie einst ihre Eltern und Großeltern „WOŚP" („Wielka Orkiestra Świątecznej Pomocy" - „Das Große Orchester der Weihnachtshilfe"), das seit 1993 jedes Jahr Spenden für medizinisches Equipment und Geräte sammelt. Und ein weiterer Beweis dafür, dass Pol:innen sich trotz aller politischen Polarisierung solidarisieren können, auch wenn diese Einheit sich nur in der gesellschaftlichen Sphäre wiederfindet.
[1] Polnisches Statistikamt GUS
[2] Polnisches Finanzministerium
[3] A ja nie dam. Co dziesiąty podatnik w Polsce nie zamierza się z nikim dzielić. In: Salon24 vom 05.03.2026 A ja nie dam. Co dziesiąty podatnik w Polsce nie zamierza się z nikim dzielić - blog Redakcja (29.04.2026)
[4] Ebd.
[5] Ebd.
[6] Maciej Cichowicz: Organizacje Pożytku Publicznego. In: Biuletyn Informacji Publicznej. 04.07.2023. Organizacje Pożytku Publicznego - Komitet do Spraw Pożytku Publicznego - Portal Gov.pl (29.04.2026)
[7] Paulina Wójtowicz: Niezwykła zbiórka na leczenie chorych dzieci. Akcją influencera żyje cały internet. In: Medonet, am 24.04.2026. Zbiórka Łatwoganga na chore dzieci bije rekordy popularności. Zaczęło się od piosenki (29.04.2026)
[8] Kacper Komaiszko: 250 mln zł w 9 dni na zbiórce Łatwoganga. Polski internet ustanowił rekord świata. In: Rzeczpospolita, am 27.04.2026. Na zbiórce Łatwoganga padł rekord Guinnessa. Ponad 250 mln zł w 9 dni - rp.pl (29.04.2026)
[9] Przemysław Mosur-Darowski: Rekordowa zbiórka. Bedoes i Łatwogang wydali oświadczenie. In: Onet, am 27.04.2026. Rekordowa zbiórka. Bedoes i Łatwogang wydali oświadczenie. (29.04.2026)
[10] Przemysław Malinowski: 26 kwietnia może być dniem walki z rakiem u dzieci. Sejm reaguje na rekordową zbiórkę, in: Rzeczpospolita am 27.04.2026, Włodzimierz Czarzasty o pomyśle ustanowienia 26 kwietnia dniem walki z rakiem u dzieci. Reakcja na zbiórkę Łatwoganga - rp.pl (29.04.2026)
[11] Paulina Wójtowicz: Niezwykła zbiórka na leczenie chorych dzieci. Akcją influencera żyje cały internet. In: Medonet, am 24.04.2026. Zbiórka Łatwoganga na chore dzieci bije rekordy popularności. Zaczęło się od piosenki (29.04.2026)