Pflanzliche Ernährung in Polen
DPI-Blog #148 von Sophie-Carolin Groß und Xenia Wesp
Ernährungsweisen auf pflanzlicher Grundlage erfreuen sich auch in Polen immer größerer Beliebtheit, so geben in einer Umfrage von Februar 2026 24 % der polnischen Bevölkerung an, weniger Fleisch zu essen. 6 % der Befragten bezeichneten sich als Flexitarier:innen, 4 % als Vegetarier:innen und 3 % gaben an, sich vegan zu ernähren.[1] Insbesondere in Warschau ist mittlerweile eine große Anzahl an veganen Restaurants zu finden. Auch die polnischen Lebensmittelhersteller reagieren auf die steigende Nachfrage und entwickeln neue pflanzliche Lebensmittel. Insbesondere in Supermärkten und Bio-Läden sind vegetarische und vegane Produkte in den Regalen zu finden. Aber auch Discounter, wie Biedronka, nehmen sie in ihr Sortiment auf, um ihr Angebot zu erweitern.[2] Eine Umstellung von tierischer zu pflanzlicher Ernährung ist in Polen wegen der kulturellen Bedeutung von Fleisch immer noch herausfordernd. In Polen wird der Fleischkonsum stark mit traditioneller Küche in Verbindung gebracht, weshalb Veganer:innen und Vegetarier:innen häufig mit mangelnder Akzeptanz ihrer Ernährungsweise im Familienumfeld konfrontiert sind.[3] In einer Umfrage aus dem Jahr 2025 unter polnischen Studierenden berichten Veganer:innen zudem häufiger von sozialer Ausgrenzung im Alltag als Nicht-Veganer:innen.[4] Erwähnenswert ist, dass der hohe Preis veganer Produkte von allen Befragten als zentrale Hürde beschrieben wird, während omnivore Befragte angaben, dass der Geschmack und die Konsistenz tierischer Produkte nicht von pflanzlichen Produkten nachgeahmt werden könne.[5]
Tatsächlich ist der Fleisch- und Fleischproduktkonsum in polnischen Haushalten zwischen 2000 und 2020 insgesamt um etwa 7% zurückgegangen, wobei der Rückgang in städtischen Haushalten etwas stärker ausfiel als in ländlichen. Überraschend dabei ist, dass die Abnahme auf dem Land unter Landwirten am stärksten ausgefallen ist.[6] Während der Konsum von rotem Fleisch (unverarbeitet und verarbeitet) im Vergleich zum Jahr 2000 um 15% zurückgegangen ist (Stand: 2020), ist der Geflügelkonsum in Polen angestiegen. So lag der Verzehr von Geflügelfleisch in Polen 2020 bei 1,55 kg pro Person im Monat und war damit 16 % höher als im Jahr 2000. Der gesamte Konsum von verarbeitetem Fleisch (rotes Fleisch und Geflügel zusammen) lag 2020 bei 1,96 kg pro Person im Monat, wobei 89 % auf rotes Fleisch entfielen - Rentner*innen bilden hier die größte Konsumentengruppe.[7] Im Jahr 2023 gehörten Fleisch und Innereien zu den wichtigsten Exportgütern der polnischen Agrarwirtschaft und machten einen bedeutenden Anteil des gesamten Lebensmittelexportes aus. Besonders seit dem EU-Beitritt Polens sind die Fleischexporte stark angestiegen und haben sich im Vergleich zum Ausgangsniveau um mehr als das Elffache erhöht (Stand: 2025).[8]
Die Ursprünge des Vegetarismus in Polen
In den 1860er Jahren entstand in Europa eine Reformbewegung, die die vegetarische Ernährung unter gesundheitlichen Aspekten und Naturverbundenheit behandelte. Auch im geteilten Polen gab es Vertreter dieser Bewegung, die insbesondere durch Konstanty Alfons Moes-Oskragiełło, geprägt wurde. Oskragiełło gilt als einer der zentralen Pioniere des polnischen Vegetarismus. Bereits 1884 wurde mit der polnischen Übersetzung von Alfred von Seefelds „Jarosz i jarstwo (wegetaryjanizm)” (auf dt.: Der Vegetarier und der Vegetarismus) durch Oskragiełło die erste polnischsprachige Veröffentlichung zum Vegetarismus vorgelegt.[9] Bei dieser Publikation handelt es sich nicht um ein Kochbuch oder eine Rezeptsammlung, sondern um eine Abhandlung, die den Vegetarismus moralisch und ethisch begründet. Deutlich wird dies im Vorwort, in dem Oskragiełło Tiere als empfindsame Wesen beschreibt, deren Tötung moralisch nicht zu rechtfertigen sei. In seinen späteren Schriften, wie in seinem Werk „Przyrodzone pokarmy człowieka i wpływ ich na dolę ludzką“ (auf dt: Die natürlichen Nahrungsmittel des Menschen und ihr Einfluss auf das menschliche Schicksal) bettete Oskragiełło den Vegetarismus in eine umfassenden Natur- und Gesellschaftstheorie ein. Dieses Werk wurde 1896 ins Russische übersetzt und unter anderem von Lew Tolstoi positiv rezipiert. Insgesamt stießen seine Überlegungen in der zeitgenössischen Öffentlichkeit überwiegend auf Spott und Ablehnung. Oskragiełło wurde als utopischer Denker dargestellt, dessen Ideen realitätsfern seien. Im Zeitverlauf verschob sich diese Wahrnehmung, wodurch Oskragiełłos Schriften wissenschaftlich diskutiert und als Teil einer breiten gesundheitsreformerischen Debatte anerkannt wurden. Nach Oskragiełłos Tod wurde er insbesondere in Russland rezipiert und seine Werke erlebten dort mehrere Neuauflagen.[10]
Fleischkonsum in der Volksrepublik Polen
In der Volksrepublik Polen entwickelte sich Fleisch von einem bloßen Grundnahrungsmittel zu einem zentralen Symbol, an dem Reichtum und Status gemessen wurden. Pflanzliche bzw. fleischfreie Ernährung wurde vor allem über Einzelpersonen verbreitet, da unter anderem in der stalinistischen Phase zivilgesellschaftliche Initiativen erheblich eingeschränkt wurden. Eine zentrale Figur stellt hierbei Błażej Włodarz dar, der in seinen Schriften, wie im Werk „Kuchnia Jarska“ (vegetarische Küche) (1951), eine moralische Kritik an Fleischkonsum formulierte. Im Kontrast zu den Überlegungen von Błażej Włodarz entwickelte sich im Alltag der Volksrepublik eine zunehmend fleischzentrierte Ernährungskultur. Dies führte dazu, dass in den 1950er Jahren zunächst die bloße Sättigung der Bevölkerung im Vordergrund stand, die durch die Landflucht und Urbanisierung geprägt war. Die neuen Stadtbewohner brachten ländliche Essgewohnheiten mit, die sie nun in einem urbanen Kontext als Zeichen ihres sozialen Aufstiegs festigen wollten. Fleisch wurde zum prestigeträchtigen Symbol für den Wohlstand und den „neourbanen” Lebensstil. Wer Fleisch besaß, demonstrierte Teilhabe am Fortschritt. Obwohl der Staat die Preise künstlich niedrig hielt, stieg die Nachfrage rasant an, während die Produktion oft nicht Schritt halten konnte. Dies führte oft dazu, dass der Zugang zu Fleisch nicht mehr über den Preis, sondern über den Wohnort, die Geduld in der Warteschlange oder informelle Netzwerke bzw. Beziehungen geregelt wurde.[11]
In den 1960er und 1970er Jahren verfestigte sich das „Fleischproblem” in der gesamten Gesellschaft. Fleisch war nun ein wichtiges Thema im öffentlichen Diskurs, in Witzen und in den Sorgen der Menschen. Während die Regierung versuchte, den Konsum durch Förderung von Fisch, Milchprodukten oder Fertiggerichten in ein "sozialistisches Modell” zu lenken, beharrte die Bevölkerung auf Fleisch als einen wichtigen Standard für die Lebensqualität. Die Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach hochwertigen Produkten wie Schinken und der tatsächlichen Verfügbarkeit einfacher Fleischsorten führten zu tiefem Misstrauen gegenüber der Staatsmacht.
Besonders in den 1970er Jahren unter Edward Gierek wurde die Fleischversorgung zum politischen Schicksalsfaktor. Fleisch wurde als Bestechungsmittel für die Befriedigung der Gesellschaft eingesetzt, doch jede angekündigte Preiserhöhung löste soziale Unruhen aus, die das Regime letztendlich delegitimierten. In Krisenzeiten versuchte die Regierung oft den Export kurzfristig zu drosseln, was jedoch weniger Devisen bedeutete und die Fleischproduktion insgesamt senkte. Erst der Zusammenbruch des Systems im Jahr 1989 und die Freigabe der Preise beendete die Ära der Lebensmittelkarten und der staatlichen Reglementierung.[12]
Als Gegenbewegung etablierte sich der „jarski poniedziałek“ (auf dt: vegetarischer Montag), um eine fleischlose Ernährung zu fördern. In den 1970er Jahren gründete sich die Organisation „Towarzystwo Zwolenników Wegetarianizmu“ (auf dt. Vereinigung der Anhänger des Vegetarismus), wodurch Debatten über vegetarische Ernährung in einem größeren Netzwerk geführt werden konnten - auch eine internationale Vernetzung war hierdurch möglich. In dieser Zeit wandelte sich auch die polnische Bezeichnung für Vegetarismus - der Begriff „jarstwo“ wurde durch den Begriff „wegetarianizm“ ersetzt, der nun stärker die ethischen und moralischen Argumente für eine pflanzliche Ernährungsweise berücksichtigt. Der Begriff verküpfte des mit einer ethischen Bewegung. Die pflanzliche Ernährung entwickelte sich von einer Lebensweise der Naturheilkunde zu einer bewussten moralischen Lebensweise. Weitere wichtige polnische Wegbereiter:innen in den 1980er Jahren waren Maria Grodecka, Makary Sieradzki, Kinga Wiśniewska-Roszkowska und Jan Kucharczyk. Sie haben nicht nur die gesundheitlichen Vorzüge vegetarischer Ernährung herausgestellt, sondern die Ernährungsweise zu einer ethisch vernünftigen Lebensweise weiterentwickelt. Auch spirituelle Perspektiven fanden immer mehr Anschluss im Diskurs um Vegetarismus. Gegen Ende der 1980er Jahre entwickelten sich im Umfeld der Gewerkschaftsbewegung Solidarność subkulturelle Gruppen, die Vegetarismus aus einem ökologischen Blickwinkel diskutierten. Insbesondere in der Hardcore- und Punkbewegung wurde der Vegetarismus zu einem Bestandteil der Subkultur. Über Zines (selbstverlegte Zeitschriften) und alternative Medien wurden systemkritische Positionierungen auch in Bezug auf Fleischverzicht verbreitet. Insgesamt war der Vegetarismus in der Volksrepublik zunächst eine individuelle Praxis, die sich zu einer zunehmend vernetzten sozialen Bewegung entwickelte.[13]
Ernährung als Ausdruck eines Kulturkampfes
Die Wahl der Lebensmittel ist in den letzten Jahren in Polen zunehmend zu einem Symbol eines Kulturkampfes geworden. In einer Aussage des ehemaligen Außenministers Witold Waszczykowski aus Jahr 2016 beschreibt er den Verzicht auf Fleisch als einen Angriff auf die nationale Identität. Damit schließt sich der Kreis: Während der Begriff „wegetarianizm“ einst eingeführt wurde, um ethische Argumente zu stärken, wird er heute oft als politisches Label benutzt, um einen liberalen, urbanen Lebensstil von einer konservativen Tradition abzugrenzen. Vegetarismus ist in Polen also längst nicht mehr nur eine Frage der Ethik[14] oder Gesundheit, sondern ein Statement in der Debatte darüber, wie die polnische Gesellschaft der Zukunft aussehen soll.
Der Vegetarismus in Polen hat sich von einer marginalen, überwiegend individuellen Praxis zu einer zunehmend vernetzten sozialen Bewegung entwickelt. Das Zusammenkommen von philosophischen Debatten im intellektuellen Diskurs einerseits sowie einer ökologischen Bewegung in verschiedensten Subkulturen andererseits, führte zu einer Etablierung pflanzenbasierter Ernährungsweisen in der breiten polnischen Öffentlichkeit.
[1] Statista (2026) Consumers in Poland, Statista. Verfügbar unter: https://www.statista.com/study/113126/consumers-in-poland/ (Zugriff: 30. März 2026).
[2] Kiciak, A. u. a. (2025) „Analysis of the Quality of Selected Vegetarian Products Available on the Polish Market Compared to Their Homemade Equivalents“, Foods, 14(5), S. 892ff. Verfügbar unter: https://doi.org/10.3390/foods14050891.
[3] Jeżewska-Zychowicz, M. u. a. (2024) „Predictors of Eating Less Meat and More Plant-Based Food in the Polish Sample“, Nutrients, 16(11), S. 1646-1649. Verfügbar unter: https://doi.org/10.3390/nu16111646.
[4] Tarnowska, K. u. a. (2026) „Sustainable Foods: Opinions, Knowledge and Attitudes of Generation Z Consumers Toward Plant-Based Foods: A Case Study of Polish Students“, Sustainability, 18(2), S. 1132. Verfügbar unter: https://doi.org/10.3390/su18021132.
[5] Tarnowska, K. u. a. (2026) „Sustainable Foods: Opinions, Knowledge and Attitudes of Generation Z Consumers Toward Plant-Based Foods: A Case Study of Polish Students“, Sustainability, 18(2), S. 1132. Verfügbar unter: https://doi.org/10.3390/su18021132.
[6] Stoś, K. u. a. (2022) „Red and Processed Meat Consumption in Poland“, Foods, 11(20), S. 3287ff. Verfügbar unter: https://doi.org/10.3390/foods11203283.
[7] Stoś, K. u. a. (2022) „Red and Processed Meat Consumption in Poland“, Foods, 11(20), S. 3287ff. Verfügbar unter: https://doi.org/10.3390/foods11203283.
[8] Pawlak, K. und Poczta, W. (2025) „Twenty Years of Poland’s EU Membership: What Is Progress in the Agri-Food Sector?“, Agriculture, 15(1), S. 49. Verfügbar unter: https://doi.org/10.3390/agriculture15010049.
[9] Von Seefeld, A. (1884) „Jarosz i jarstwo (wegetaryjanizm)”, tlum. K. Moes-Oskragiełło [online: https://polona.pl/item/jarosz-i-jarstwo-wegetaryjanizm,MTU1MDk3NjQ/4/#item, Zugriff: 01.04.2026].
[10] https://dzikiezycie.pl/archiwum/2020/pazdziernik-2020/przedwojenna-kuchnia-jarska
[11] Kochanowski, J. (2007) '»Wir sind es schon gewöhnt«: Einführung in die gesellschaftlich-modernisierenden Hintergründe des »Fleischproblems« in der Volksrepublik Polen', Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, 55(3), S. 337–356.
[12] Kochanowski, J. (2007) '»Wir sind es schon gewöhnt«: Einführung in die gesellschaftlich-modernisierenden Hintergründe des »Fleischproblems« in der Volksrepublik Polen', Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, 55(3), S. 337–356.
[13] https://dzikiezycie.pl/archiwum/2021/marzec-2021/jarstwo-w-prl-u
[14] https://www.newsweek.pl/polska/witold-waszczykowski-rowerzysci-i-wegetarianie-w-bildzie/0prh5nh