Neue Kriegsgefahren und wie Europa darauf reagieren sollte
DPI-Blog #144
Ein klarer Appell einer deutschen Sicherheitsexpertin – gelesen aus polnischer Perspektive
Es ist Sommer 2029. Nach den Bundestagswahlen im März, bei denen die AfD ihr bislang bestes Ergebnis erzielt hat, wird Deutschland nur noch übergangsweise von einem Bündnis aus CDU/CSU und SPD regiert. Die bisherigen Versuche, eine stabile Koalition zu bilden, sind gescheitert. Im Kanzleramt kommen die zentralen Akteure der deutschen Sicherheitsarchitektur zusammen. Vor ihnen liegt eine Karte, auf der ungewöhnlich umfangreiche Bewegungen russischer Truppen zu sehen sind, die im Rahmen der jährlichen SAPAD-Manöver diesmal in besonders großer Zahl nach Belarus verlegt wurden. Das Militär warnt: Die Lage erinnere in beunruhigender Weise an das Jahr 2021 – kurz vor Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine. Die Möglichkeit eines Angriffs auf NATO-Staaten wird offen diskutiert. Deutschland steht vor der Notwendigkeit, konkrete Maßnahmen zu ergreifen. Eine entschlossene Reaktion ist unausweichlich.
Mit diesem eindringlichen Szenario eröffnet Jana Puglierin, Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relations und eine der profiliertesten deutschen Sicherheitsexpertinnen, ihr Buch Wer verteidigt Europa? Die neuen Kriegsgefahren und was wir tun müssen, um uns zu schützen. Bereits die ersten Seiten machen deutlich, worauf der gesamte Text abzielt: eine kritische Analyse der deutschen – und im weiteren Sinne westeuropäischen – Herangehensweise an Sicherheitspolitik und Russland vor 2022. Schritt für Schritt setzt sich die Autorin mit den Argumenten der sogenannten „Russlandversteher“ auseinander und formuliert zugleich einen klaren Appell zur Stärkung der europäischen Verteidigungsfähigkeit. Das Buch stellt damit eine wichtige Stimme aus den deutschen außen- und sicherheitspolitischen Debatten dar – sowohl mit Blick auf die Zeit vor als auch nach der von Bundeskanzler Olaf Scholz ausgerufenen „Zeitenwende“.
Puglierin richtet ihre Überlegungen in erster Linie an ein deutsches Publikum. Angesichts der zentralen Bedeutung des Themas für die deutsch-polnischen Beziehungen erscheint es jedoch besonders lohnenswert, ihre Thesen auch aus polnischer Perspektive zu betrachten. Im Folgenden werden daher ausgewählte Aspekte des Buches aufgegriffen und durch eine solche Perspektive ergänzt.
Neben den inhaltlichen Argumenten sind zwei charakteristische Merkmale der Publikation hervorzuheben. Erstens hat Jana Puglierin über viele Jahre hinweg Positionen vertreten, die den in Polen verbreiteten Einschätzungen bemerkenswert nahekommen. Sie warnte frühzeitig vor der russischen Bedrohung, kritisierte die aus ihrer Sicht oft naive deutsche Haltung in Sicherheitsfragen und plädierte für eine engere europäische Zusammenarbeit – ausdrücklich auch unter Einbeziehung Polens. Damit gehört sie nicht zu jener Gruppe von Experten, die erst nach Februar 2022 einräumen mussten, Russland falsch eingeschätzt oder Warnungen aus Mittel- und Osteuropa unterschätzt zu haben. Diese Ausgangsposition verschafft ihr eine gewisse argumentative Stärke, aus der heraus sie die sicherheitspolitischen Fehlannahmen eines großen Teils der deutschen Politik vor 2022 kritisch beleuchten kann.
Gleichzeitig verfällt Puglierin nicht in eine moralisierende oder belehrende Haltung gegenüber jenen, die andere Positionen vertreten haben oder weiterhin vertreten. Im Gegenteil: Sie rekonstruiert die Argumentationslinien der „Russlandversteher“ sorgfältig und setzt ihnen systematisch faktenbasierte Gegenargumente entgegen. Statt Schadenfreude prägt eine ernsthafte Besorgnis über die aktuelle Lage und mögliche zukünftige Entwicklungen den Ton des Buches.
Zweitens zeichnet sich die Publikation durch eine klare und persönliche Positionierung der Autorin aus. Indem sie immer wieder in die Ich-Perspektive wechselt, macht sie transparent, welchen Thesen sie zustimmt und wo sie Widerspruch anmeldet. Dadurch vermeidet sie vage Formulierungen und benennt präzise, welche Schlussfolgerungen sich ihrer Ansicht nach aus den dargestellten Fakten ergeben. Diese Kombination aus analytischer Schärfe und persönlicher Klarheit macht das Buch zu einem wichtigen Beitrag zur deutschen Debatte über die „Zeitenwende“ und zu einem fundierten Leitfaden für die zukünftige europäische Sicherheitspolitik.
Hinzu kommt, dass das Buch Ende 2025 abgeschlossen wurde – also noch vor den sicherheitspolitischen Verschiebungen, die durch den Angriff der Vereinigten Staaten und Israels auf den Iran ausgelöst wurden. Dies verleiht der Analyse eine interessante zeitliche Einordnung.
„Russland und die Rückkehr des Krieges“ – über (un)strittige Fakten
In der öffentlichen Debatte ist häufig zu hören, Polen und Deutschland hätten über Jahre hinweg grundsätzlich unterschiedliche Ansätze in der Russland- und Sicherheitspolitik verfolgt. Eine solche pauschale Aussage greift jedoch zu kurz und wird der Komplexität der Realität kaum gerecht. Puglierin verzichtet bewusst darauf, deutsche Positionen zu vereinheitlichen oder bestimmten Gruppen zuzuschreiben. Stattdessen stellt sie unterschiedliche Argumentationslinien dar, analysiert deren Logik und konfrontiert sie mit empirischen Gegenargumenten. Für polnische Leser mögen viele dieser Punkte vertraut erscheinen; zugleich bietet die Darstellung eine fundierte fachliche Bestätigung dieser Perspektiven.
Ein wiederkehrendes Motiv des Buches ist die wiederholte Fehleinschätzung Russlands durch europäische Entscheidungsträger. Sowohl vor der Annexion der Krim als auch vor der Vollinvasion 2022 gingen viele davon aus, dass ein Angriff auf die Ukraine nicht im Interesse Russlands liege. Warnsignale wurden häufig als übertrieben oder als bloße Drohkulisse interpretiert. Puglierin warnt eindringlich davor, diesen Fehler ein drittes Mal zu begehen – etwa durch die Annahme, ein Angriff auf NATO-Staaten sei grundsätzlich ausgeschlossen. Eine solche Sichtweise zeuge von einem grundlegenden Missverständnis der russischen Logik.
Ebenso kritisch bewertet sie die These, Russlands Handeln lasse sich primär mit dem Ziel erklären, eine NATO-Erweiterung zu verhindern. Daraus werde häufig geschlossen, Russland habe kein Interesse an einer Konfrontation mit dem Bündnis. Dem hält Puglierin drei zentrale russische strategische Ziele entgegen: erstens imperiale Ambitionen und der Aufbau einer eigenen Einflusssphäre, zweitens die Revision der europäischen Sicherheitsordnung nach dem Ende des Kalten Krieges und drittens die Stärkung einer multipolaren Weltordnung, in der Großmächte dominieren. Diese Ziele seien in Europa lange unterschätzt worden. Stattdessen sei es Russland gelungen, die Wahrnehmung zu etablieren, die NATO stelle eine Bedrohung dar und trage eine Mitverantwortung für die Eskalation.
Auf dieser Grundlage entwickelt die Autorin mögliche Zukunftsszenarien. Sie weist die Annahme zurück, Russland werde aufgrund begrenzter militärischer Kapazitäten oder fehlender schneller Erfolge in der Ukraine von weiteren Aggressionen absehen. Vielmehr gehe es Russland darum, europäische Einheit zu untergraben und Vertrauen innerhalb der NATO zu erschüttern. Dazu bedürfe es keines umfassenden militärischen Angriffs. Schon begrenzte, hybride Maßnahmen könnten ausreichen – etwa das Auftreten nicht eindeutig identifizierbarer Kräfte oder die Instrumentalisierung russischsprachiger Minderheiten unter dem Vorwand ihres Schutzes. Entscheidend wäre dabei die Reaktion der NATO: Bleibt sie uneinheitlich oder zögerlich, würde dies die Glaubwürdigkeit des Bündnisses erheblich beschädigen.
Europas strukturelle Schwächen
Puglierin zeigt zugleich, dass Europa trotz seiner potenziellen Stärke strukturelle Defizite aufweist. Zwar sind militärische Ressourcen vorhanden, doch ihre Fragmentierung und mangelnde Interoperabilität mindern ihre Effektivität. Zudem besteht häufig eine Diskrepanz zwischen den vorhandenen Fähigkeiten und den tatsächlichen Herausforderungen – etwa im Umgang mit Drohnen oder hybriden Angriffen.
Während Russland seine militärischen Fähigkeiten kontinuierlich anpasst und aus den Erfahrungen auf dem Schlachtfeld lernt, fehlt es den europäischen Streitkräften an vergleichbaren Lernprozessen. Hinzu kommt eine deutlich gesteigerte Produktionskapazität der russischen Rüstungsindustrie, die durch das autoritäre System langfristig abgesichert wird.
Auch infrastrukturelle Defizite spielen eine wichtige Rolle. Die Fähigkeit, Truppen schnell innerhalb Europas zu verlegen, ist entscheidend – und liegt in der Verantwortung der europäischen Staaten. Puglierin kritisiert, dass entsprechende Planungen lange Zeit nicht ausreichend auf militärische Anforderungen abgestimmt waren.
Europa im postamerikanischen Zeitalter
Ein weiterer zentraler Aspekt ist die veränderte Rolle der Vereinigten Staaten. Seit der erneuten Präsidentschaft Donald Trumps ist die Verlässlichkeit amerikanischer Sicherheitsgarantien nicht mehr selbstverständlich. Puglierin betont jedoch, dass Europa alles daransetzen sollte, die US-Präsenz auf dem Kontinent so lange wie möglich zu erhalten. Ein abrupter Rückzug hätte gravierende Folgen.
Gleichzeitig müsse Europa seine eigene Handlungsfähigkeit deutlich stärken. Insbesondere in Ostmitteleuropa – etwa in Polen – war lange die Überzeugung verbreitet, sich im Ernstfall auf die USA verlassen zu können. Die Skepsis gegenüber Konzepten europäischer strategischer Autonomie war entsprechend groß. Doch mangelnde Koordination innerhalb Europas hat paradoxerweise die Abhängigkeit von den USA weiter verstärkt. Puglierin bringt dies prägnant auf den Punkt: „Europa [war]nicht in der Lage […], sich selbst zu führen”.
Konkrete Handlungsempfehlungen
Im abschließenden Teil formuliert die Autorin konkrete Empfehlungen. Sie fordert einen grundlegenden Wandel hin zu stärker koordinierter europäischer Sicherheitspolitik. Nationale Alleingänge müssten zugunsten gemeinsamer Interessen zurücktreten.
Besondere Bedeutung misst sie der Zusammenarbeit der großen europäischen Staaten im sogenannten E5-Format (Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Polen, Italien) bei. Ziel sei es, innerhalb der NATO mehr Verantwortung zu übernehmen, während die USA weiterhin eine wichtige, aber nicht mehr dominante Rolle spielen.
Zugleich sollte die Europäische Union ihre Rolle bei der Finanzierung und Koordination von Rüstungsprojekten ausbauen und diese auch für Partner außerhalb der EU öffnen, insbesondere für Großbritannien und die Ukraine.
In Bezug auf Deutschland formuliert Puglierin klare Erwartungen: Eine Führungsrolle erfordere nicht nur höhere Verteidigungsausgaben, sondern auch politische Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, Risiken einzugehen und die Interessen europäischer Partner aktiv einzubeziehen. Implizit deutet sie an, dass Deutschland diesen Anforderungen bislang nur unzureichend gerecht wird.
Schlussbetrachtung
Die hier dargestellten Punkte geben nur einen Ausschnitt der Argumentation wieder, die Puglierin detailliert und unter Rückgriff auf zahlreiche Studien entfaltet. Aus polnischer Perspektive lassen sich zwei zentrale Schlussfolgerungen ziehen.
Erstens bestätigen viele ihrer Thesen Einschätzungen, die in Polen seit Jahren vertreten werden. Gerade deshalb ist das Buch so wertvoll: Es zeigt, dass diese Perspektiven zunehmend auch in deutschen sicherheitspolitischen Kreisen verankert sind. Gleichzeitig ist zu beachten, dass die polnische Debatte in jüngster Zeit stärker polarisiert ist als früher, sodass solche Positionen nicht mehr unumstritten sind.
Zweitens könnte der Eindruck entstehen, Polen werde im Buch nicht ausreichend hervorgehoben – trotz seiner zentralen geopolitischen Rolle. Eine solche Kritik wäre jedoch letztlich zu polonozentrisch. Tatsächlich wird Polen mehrfach als wichtiger Akteur und Partner erwähnt, auch wenn das Land nicht im Mittelpunkt der Analyse steht.
Das Buch endet mit einer persönlichen Widmung an die Großeltern der Autorin. Ihre Großmutter, eine Polin aus Lodz, rettete einen deutschen Wehrmachtssoldaten vor dem Hungertod in polnischer Gefangenschaft. Sie heirateten 1948, und wie ihre Enkelin schreibt:
„Beide haben mir gezeigt, dass Menschen auch inmitten von Krieg, Schuld und Leid nicht aufhören müssen, einander als Menschen zu sehen. Und dass Aussöhnung etwas zutiefst Menschliches ist.“
Gerade vor dem Hintergrund der im Buch beschriebenen Bedrohungsszenarien gewinnt diese Botschaft besondere Bedeutung. Sie erinnert daran, dass Sicherheitspolitik letztlich nicht nur von militärischer Stärke abhängt, sondern auch von Vertrauen, Kooperation und der Fähigkeit zur Verständigung.
Zusammenarbeit: Bastian Sendhardt
Der Text entstand im Rahmen des Projekts „Zeitenwende in den deutsch-polnischen Beziehungen? Die neue Rolle Polens in Europa nach dem 24. Februar 2022”, das vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt (DPI), dem Jan-Nowak-Jeziorański-Kolleg für Osteuropa in Wojnowice (KEW) und der Technischen Universität Chemnitz (TU Chemnitz) durchgeführt und von der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung (DPWS) unterstützt wird.