Ein Zoo als Unterschlupf - wie ein Zoodirektor Juden rettete

24.03.2026
Dr. Matthias Kneip

Ein Zoo als Unterschlupf - wie ein Zoodirektor Juden rettete

DPI-Blog #143

Der 24. März ist in Polen der "Nationale Gedenktag für Polen, die während der deutschen Besatzungszeit Juden retteten". So rettete beispielsweise der damalige Warschauer Zoodirektor Jan Żabiński, gemeinsam mit seiner Frau über 300 Jüdinnen und Juden während des Zweiten Weltkriegs das Leben. Seine Villa mitten im Zoo barg ein lebensrettendes Geheimnis – einen Tunnel im Keller, der den Verfolgten Zutritt wie Flucht ermöglichte. Bis heute kann man diese Villa, von der auch der Film „Die Frau des Zoodirektors“ handelt, im Warschauer Zoo besichtigen. Unser Mitarbeiter Dr. Matthias Kneip hat sich dort auf den Weg gemacht…

Im heutigen Museum ist noch das Einstiegsloch in den Tunnel im Keller des Hauses zu besichtigen

Bei meinem Spaziergang durch den Warschauer Zoo stoße ich neben der ehemaligen Villa des Zoodirektors Jan Żabiński auf ein mit Glas abgedecktes und von Backsteinen umfasstes Tunnelloch in der Erde. Die Inschrift auf der Glasplatte lautet: „Durch diesen Tunnel flüchteten während der Okkupation Juden, denen Direktor Jan Żabiński in den Kellerräumen seines Hauses Schutz gewährte. Die meisten davon waren Geflüchtete aus dem Warschauer Ghetto“.    

Die unglaubliche Geschichte des Ehepaars Żabiński blieb lange Zeit in Polen im Verborgenen, viele Warschauer kennen sie nicht. Erst als sich die Filmfabrik Hollywoods 2017 dieser Geschichte annahm und auf der Romanvorlage von Diane Ackermann den Film „Die Frau des Zoodirektors“ in die Kinos brachte, kamen die Rettungstaten der Żabińskis einer breiteren Öffentlichkeit in Polen ins Bewusstsein. Manchmal braucht es eben das oft geschmähte Hollywood, um einer Geschichte Gehör zu verschaffen, die vergessen wurde.

Nur wenige Meter neben dem Loch betrete ich die Villa der Żabińskis, in der während der deutschen Besatzung Warschaus über 300 Juden vorübergehend Unterschlupf fanden. Darunter auch die jüdische Bildhauerin Magdalena Gross, mit der die Żabińskis eine enge Freundschaft verband und deren Skulpturen bis heute vor der Villa sowie in ihren Räumlichkeiten zu sehen sind. Manche der Juden blieben nur wenige Tage im Haus, andere mehrere Monate. 

Die Villa, deren Ausstattung rekonstruiert wurde, avancierte während des Krieges zu einem Dreh- und Angelpunkt für jüdische Flüchtlinge, die dem Grauen des Ghettos entkommen wollten. Hier, auf dem Gebiet des Warschauer Zoos, der zu Kriegsbeginn gleich selbst zum Opfer des Krieges wurde, schöpfte niemand Verdacht. 

Jan Żabiński hatte die Leitung des Zoos 1929, also ein Jahr nach seiner Gründung, übernommen und baute ihn zum größten Tierpark Europas aus. 1937 erblickte hier „Tuzinka“, das erste in Polen geborene Elefantenbaby, das Licht der Welt. Damals wurde das Haus nur ´Villa unter einem verrückten Stern´ genannt, weil sich das Leben in dem Haus in einer chaotischen Symbiose zwischen Menschen und Tieren abspielte. Tatsächlich lebten die Żabińskis und ihr 1932 geborener Sohn Ryszard gemeinsam mit vielen Tieren im Haus, die krank waren oder Hilfe benötigten. Ein Dachs, ein Schimpanse, ein Hund und ein Hahn gehörten ebenso zur ständigen Bewohnerschaft wie einige Katzen, Hunde und Kleintiere wie ein Hamster. So herrschte ständig Trubel in der Villa, die darüber hinaus von Gästen aus der ganzen Stadt besucht wurde. 

Die Bombardierung Warschaus 1939 traf auch den Zoo, viele Tiere verendeten elend oder flüchteten apathisch in die Innenstadt, wo man nicht schlecht staunte, als plötzlich wilde Tiere durch die Straßen spazierten. Die verbliebenen wurden von den Deutschen erschossen oder beschlagnahmt, worauf die Żabińskis auf die Idee kamen, den deutschen Besatzern eine Schweinezucht im Zoo anzubieten. So konnte das Gelände des Zoos auch zum Vorteil der Besatzer genutzt werden, die von der Zucht profitierten. Hinter der Fassade der Schweinezucht brachte Jan, der sich im polnischen Widerstand engagierte, die flüchtenden Juden in das Haus, um die sich dann vor allem seine Frau Antonina kümmerte.

Wie ihr Mann, der in Anlehnung an den Schutzheiligen der Tiere den Tarnnamen „Franziskus“ trug, riskierte sie täglich ihr Leben, um die Menschleben im Keller zu schützen.  Dies geschah mehr oder weniger vor den Augen der Besatzer, mit denen die Żabińskis guten Kontakt pflegten und die zum Kaffeetrinken oder für Spieleabende gerne auch mal die Villa besuchten. Dass die Żabińskis die Schweine auch mit Würmern infizierten, um sie dann an Deutsche zu liefern, passte zu diesem Tanz auf der Rasierklinge, der ebenso Mut und Aufopferungsbereitschaft erforderte wie Nerven aus Stahl. Der Tunnelbau, dessen Einstieg ich in den dunklen Kellerräumen noch besichtigen kann, war notwendig, um den Bewohnern bei der Ankunft von Deutschen im Haus die Flucht nach draußen zu ermöglichen.

Immer, wenn Gefahr im Anzug war, setzte sich Antonina ans Klavier und spielte in voller Lautstärke „Nur schnell nach Kreta! Nur fort, nur fort“ aus Jacques Offenbachs Buffo-Oper „Die schöne Helena“ – und schon wussten alle im Haus, was zu tun war. Von den insgesamt über 300 im Haus versteckten Jüdinnen und Juden überlebten fast alle den Krieg.

Auch Jan und Antonina, die immer Zyankali-Kapseln bei sich trugen, überstanden den Krieg. 1965 wurden beide in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt. Jan, der im Warschauer Aufstand schwer verletzt worden war und in Kriegsgefangenschaft geriet, starb 1974 in Warschau, Antonina drei Jahre früher.  

Auf dem Warschauer Powązki-Friedhof finde ich ihr Grab, das ebenso unscheinbar auf dem Friedhof ruht wie ihre Geschichte im Bewusstsein vieler Polen.Nur ein grüner Frosch, der auf den Namen der Familie anspielt – „żaba“ bedeutet „Frosch“ - und der die Todesdaten der Tochter Teresa in seinen Händen trägt, weist dem Besucher den Gedankengang zum Zoo. Ich zünde eine Kerze an. Für die Menschen, die Tiere, und den Mut, mit dem die Żabinskis sich beider annahmen. 

Eine kleine Geschichte im Schatten Oskar Schindlers - und doch eine große, weil sie die Opferbereitschaft zweier Menschen offenbart, die für ihre Werte ihr Leben riskierten und damit anderen zum Leben verhalfen.