Ein Soldat auf vier Pfoten. Als Braunbär Wojtek seinen Bärendienst leistete

05.03.2026
Dr. Matthias Kneip

Ein Soldat auf vier Pfoten. Als Braunbär Wojtek seinen Bärendienst leistete

DPI-Blog #140

Ein Bär, der seinen Dienst im Militär ableistet? Der mit Soldaten trinkt, rauft, zum Unteroffizier befördert wird und mit ihnen in die Schlacht zieht? Die Geschichte ist ebenso wahr wie bekannt in Polen. Der Bär „Wojtek“ ist in vielen Denkmälern in Polen verewigt und genießt Heldenstatus im Land. Unser Mitarbeiter Dr. Matthias Kneip ist dieser Geschichte in Polen nachgegangen…

Wojtek mit einem Soldaten 1942/ Wojtek-Denkmal in Sopot

Der Krakauer Jordan-Park wurde 1889 begründet und gilt als erster öffentlicher Spielplatz der Stadt. In der großen Anlage stoße ich auf zahlreiche Büsten berühmter Polen, deren Verdienste auf kleinen Tafeln gewürdigt werden. Adam Mickiewicz, Jan Matejko, Henryk Sienkiewicz, das Who is Who der polnischen Kulturgeschichte gibt sich dort die Ehre. Doch plötzlich stehe ich einem zwei Meter großen Bronzebären gegenüber, der sich mit weit aufgerissener Schnauze sowohl durch seine Größe, als auch durch seine Gestalt unverkennbar von den anderen Persönlichkeiten abhebt. Auf den ersten Blick scheint er den Kindern auf dem Spielplatz näher zu stehen als den Geistesgrößen neben ihm. Doch die kleine Tafel neben ihm belehrt mich eines Besseren und seine Geschichte müsste eigentlich mit den Worten beginnen: „Es war einmal…“ Doch wer ein Märchen vermutet, der irrt. Dieser syrische Braunbär gehört wahrhaftig in die Reihe der Büsten und seine Verdienste für das Vaterland stehen denen seiner Kolleginnen und Kollegen in nichts nach. Der Bär Wojtek gilt in Polen als Legende. Leibhaftige Legende.   

Als Säugling, dessen Mutter vermutlich von Jägern im iranischen Elburs-Gebirge erschossen wurde, verkaufte ihn ein kleiner Junge im Jahr 1942 an Soldaten der damals im Iran stationierten Anders-Armee. Selbige setzte sich in der Sowjetunion aus ehemaligen polnischen Kriegsgefangenen und Deportierten zusammen, die nach dem Angriff Deutschlands dort die Erlaubnis erhielten, eine eigene Armee zusammenzustellen und nach Zentralasien verlegt worden war. Der kleine Bär, den die Soldaten mit der Milchflasche aufzogen, bekam den Namen „Wojtek“, was so viel bedeutet wie „Lächelnder Krieger“. Schnell avancierte das possierliche Tierchen zum Maskottchen der 22. Artillerieversorgungskompanie, und noch schneller wurde es immer größer und größer. Wojtek wuchs mit den Soldaten auf und zog mit ihnen über Palästina und den Irak weiter nach Ägypten. Auf Fotos ist zu sehen, wie er auf Wache geht, mit den Soldaten Bier trinkt, Zigaretten raucht, mit ihnen Ringkämpfe führt ohne auch nur einem von ihnen ein Haar zu krümmen. Selbst am Steuer eines Autos ließ er sich fotografieren. Wojtek wurde wie selbstverständlich zum festen Mitglied der Kompanie und verhielt sich eher wie seine zweibeinigen Kameraden als seine vierbeinigen Vorfahren.

Als seine Einheit von Alexandria aus nach Italien verschifft werden sollte, gab es aber ein Problem. Tieren war die Überfahrt nicht gestattet. Doch zurücklassen wollte den mittlerweile an die zwei Meter großen Bären niemand, und so ernannte ihn das polnische Oberkommando kurzerhand zum Unteroffizier. „Unteroffizier Wojtek“ bekam also neben einem militärischen Dienstgrad eine Dienstnummer und ein Soldbuch. Die Behörden staunten nicht schlecht, als sich „Unteroffizier Wojtek“ ausweisen konnte – und so trat der Bär im Kreise seiner Kameraden die Reise nach Italien an. Als er, dort angekommen, über einen Strand stürmte, um ein Bad zu nehmen, war die Aufregung groß. 

Von Wojtek wurde überliefert, dass er immer behilflich war in der Truppe, dort, wo ein Bär eben helfen konnte. Endgültig Heldenstatus in der polnischen Geschichte erlangte er 1944 in der Schlacht von Monte Cassino, die zu den blutigsten des Zweiten Weltkriegs gehörte und bei der über 1000 seiner polnischen Kameraden ihr Leben ließen. Wojtek half hinter der Front beim Tragen von schweren Munitionskisten, für die sonst mehrere Soldaten notwendig gewesen wären. Seitdem befindet sich auf dem offiziellen Emblem der 22. Kompanie ein Bär, der ein Artilleriegeschoss trägt.

Wojtek überlebte auch diese Schlacht, doch die Freiheit brachte ihm das Ende des 2. Weltkriegs ebenso wenig wie den meisten seiner polnischen Kameraden. Als sich die Truppen samt Bär Wojtek nach dem Krieg in einem schottischen Camp wiederfanden, war sein Schicksal besiegelt. Um ihn vor der Erschießung zu bewahren, übergab man den stattlichen Braunbär 1947 zur Pflege an den Zoo in Edinburgh, mit dem man vertraglich regelte, dass Wojtek nach Polen überführt werden sollte, sobald das Land wieder seine Unabhängigkeit erlangt hat.

Schnell wurde Wojtek mit seinen allzu menschlichen Verhaltensweisen zum Besuchermagnet des Zoos. Wenn jemand die polnische Hymne sang, erhob er sich, Zigaretten nahm er dankbar entgegen. Die Besucher spürten, dass sich unter dem Fell ein polnischer Kamerad verbarg, der sich wie so viele seiner polnischen Kameraden seiner Heimat entwurzelt fühlte. Und wie die meisten von ihnen blieb ihm die Rückkehr in die Heimat verwehrt. Gitterstäbe prägten seinen Blick in den verbliebenen Lebensjahren. Die Unabhängigkeit Polens erlebte die „Hoffnung auf vier Pfoten“, wie er genannt wurde, nicht mehr. Wojtek starb fern der Heimat und in Gefangenschaft mit 22 Jahren im Dezember 1963 im Zoo von Edinburgh. 

Geblieben ist die Erinnerung an ihn. Wojtek-Statuen in London und Edinburgh, Wojtek auf dem Etikett einer englischen Biermarke, als Figur in einem Computerspiel. Und natürlich darf sein Denkmal auch auf der Hauptstraße des polnischen Kurortes Sopot mit dem Namen „Straße der Helden von Monte Cassino“ nicht fehlen. 

„Es war einmal…“. Ein Bär, der seinen Bärendienst leistete und für seinen Dienst nicht mit der Freiheit belohnt wurde. Ein Märchen ohne Happy End. Und doch hat Wojtek seinen Weg posthum nach Polen gefunden, hierher in den Jordan-Park. Er wäre stolz, wenn er sich sähe in seiner imposanten Größe, flankiert von den vergleichsweise kleinen größten Polen der Nation. Zwei Fußspuren aus Bronze führen zum Denkmal. Eine von Bärentatzen, eine von Soldatenstiefeln. Daneben die Namen der Länder, durch welche Wojteks Lebensreise ihn führte. Ich gehe ihm über die Spur langsam entgegen, bis ich vor ihm stehe und seinem Blick folge. Schaut her, scheint er in Richtung des unweit von ihm stehenden Dichterfürsten Adam Mickiewicz zu brüllen. Die Literatur holt das Leben niemals ein.