Café Kyiv. Berliner Zeitenwende
DPI-Blog #141, Iwona Reichardt
Im Herzen Berlins, an der einst repräsentativen Karl-Marx-Allee, steht ein sozialistischer Pavillon, der jahrzehntelang die politische und kulturelle Präsenz der Sowjetunion in Ostdeutschland symbolisierte. Es war das Café Moskau – in der DDR als „Restaurant der Völker” bekannt. Dieser Kultort Ostberlins bot nicht nur einen Treffpunkt, sondern auch – und vielleicht vor allem – die Möglichkeit, russische Küche und Gerichte anderer Nationen der UdSSR zu probieren. Als architektonisches Wahrzeichen einer Ära der Unterwerfung und der propagandistischen „Freundschaft mit Moskau” wurde dieser historische Ort nach 2022 angesichts der russischen Aggression gegen die Ukraine zu einem Symbol für die Umkehrung von Bedeutungen.
Mit dem Abschied vom Café Moskau öffnete sich Berlin für das Café Kyiv. Dies geschah im Februar 2023 – am ersten Jahrestag der russischen Vollinvasion in der Ukraine –, als das Gebäude des ehemaligen Kultcafés vorübergehend umbenannt wurde. Es war eine Geste der Solidarität mit der kämpfenden Ukraine. Zu dieser Zeit organisierten deutsche Aktivisten vor dem Café Moskau einen Protest gegen die russische Aggression und forderten eine grundlegende Neuausrichtung der deutschen Ostpolitik. Symbolischer Ausdruck dieser Veränderung sollte die Abkehr von „Moskau” und der Übergang zu „Kyiv” sein. Die Demonstranten zogen zur russischen Botschaft und anschließend zum Brandenburger Tor, wo sie ihre Solidarität mit der Ukraine bekundeten.
Diese Demonstration war Teil einer größeren sozialen und kulturellen Initiative, die den symbolischen Raum des Gebäudes nutzte, um dessen Bedeutung zu verändern – von einem Symbol der sowjetischen Vergangenheit zu einem Ort des Widerstands gegen die imperiale Gewalt der Gegenwart. Auf diese Weise wurde eine Veranstaltung ins Leben gerufen, die seit 2023 von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin organisiert wird. Die erste Ausgabe fand in den Räumlichkeiten des ehemaligen Café Moskau statt, seit 2024 ist das Café Kyiv jedoch im Kino Colosseum zu Gast – einem Ort, der ebenfalls eine starke kulturelle Bedeutung für den östlichen Teil der Stadt hat.
Das Café Kyiv ist eine eintägige Konferenz, die sich mit der Ukraine, der europäischen Solidarität und der Zukunft des Kontinents befasst. Es bringt Menschen aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Zivilgesellschaft zusammen, die im Rahmen eines ganztägigen Festivals an Debatten, Workshops, Filmvorführungen, Ausstellungen und Konzerten teilnehmen. Dazu besteht die Möglichkeit, die Messe „Skrynya” zu besuchen, die ukrainische Kultur und ukrainisches Unternehmertum fördert. Beispielsweise konnten in diesem Jahr an einigen Ständen ukrainische Drohnen besichtigt werden.
Das Café Kyiv ist jedoch nicht nur ein kulturelles und politisches Ereignis, sondern auch eine bewusste Antwort auf das Erbe, für das einst das Café Moskau stand. Während jener Ort das imperiale Zentrum bekräftigen sollte, bekräftigt das Café Kyiv das Völkerrecht auf Souveränität, die europäische Solidarität und den Widerstand gegen Gewalt als politisches Mittel. Symbolisch gesehen kann man in dieser Veranstaltung auch Elemente einer Wende in der deutschen Ostpolitik erkennen. Bereits mit der Umbenennung von Moskau in Kyiv haben die Organisatoren gezeigt, dass sich die Richtung der deutschen Unterstützung und des Beziehungsaufbaus – auch auf sozialer Ebene – in Deutschland grundlegend geändert hat. Mit anderen Worten: Führten lange Zeit alle Berliner Wege gen Osten nach Moskau, ist mittlerweile die ukrainische Hauptstadt Kyiv stärker ins Zentrum der bundesdeutschen Aufmerksamkeit gerückt. Damit hat sich Berlin der polnischen Hauptstadt Warschau angenähert, in der Orte wie das Ukrainische Haus ein wichtiger Bestandteil des städtischen Gefüges sind. Sie schaffen Räume der Kultur, sowohl für in Polen lebende ukrainische Staatsbürger und Vertreter der ukrainischen Minderheit als auch für die Polen selbst.
Jede Ausgabe des Café Kyiv – angefangen mit der ersten im Jahr 2023 – sendet ein klares Signal der Solidarität mit der Ukraine im Kontext des andauernden Krieges und betont Werte wie Freiheit, Sicherheit und Wiederaufbau. Nicht anders war es bei der vierten Ausgabe im Jahr 2026, die unter dem Motto „Freedom must win” stand. Die Veranstaltung wurde von Bundeskanzler Friedrich Merz eröffnet, der ihr dadurch eine deutlich politische Dimension verlieh. Wichtig dabei: seine Anwesenheit bestätigte, dass die Unterstützung der Ukraine in Deutschland nicht nur eine Initiative der Zivilgesellschaft oder einer Partei ist, sondern offizielle Regierungspolitik.
Die Konferenzeröffnung durch den Bundeskanzler kann als Beweis dafür gesehen werden, dass sich die deutsche Zeitenwende im Bereich der Sicherheitspolitik nicht nur in militärischen und haushaltspolitischen Entscheidungen manifestiert. Sie vollzieht sich ebenfalls im symbolischen Raum der öffentlichen Debatte. Der Slogan „Freedom must win” klingt somit nicht wie ein Werbespruch, sondern wie eine politische Erklärung – eine Bestätigung dessen, dass sich Europas Zukunft heute in der Verteidigung und Freiheit der Ukraine entscheidet.
Einer der wichtigsten Partner der diesjährigen Ausgabe war die Polnische Botschaft in Berlin. Gemeinsam mit der Organisation Vitsche Berlin, die junge Ukrainer im Ausland vereint, organisierten polnische Diplomaten eine Vorführung des bewegenden Dokumentarfilms „2000 Meters to Andriivka” des Oscar-Preisträgers Mstyslav Chernov. Nach der Vorführung fand eine Diskussion darüber statt, wie sich die Ukraine gegen Russland wehrt. Auf Einladung der Botschaft nahmen an dem Gespräch Venik – ein ehemaliger Soldat der ukrainischen Streitkräfte, der an den Kämpfen um Andrijiwka teilgenommen hat – sowie der ehemalige polnische Botschafter in der Ukraine, Bartosz Cichocki, teil. Bei der Begrüßung im Kinosaal betonte der stellvertretende polnische Botschafter Jakub Wawrzyniak, dass Polen der Ukraine bedingungslose und langfristige Unterstützung gewähren werde – „so lange wie nötig” – und dass diese Unterstützung in politischer, militärischer, humanitärer und diplomatischer Hinsicht erfolgen werde. Polen, so argumentierte der polnische Diplomat, setze sich konsequent für die Unverletzlichkeit der Grenzen sowie das Recht der Ukraine auf Souveränität und Selbstbestimmung ein. Es betrachte Solidarität nicht nur als sein strategisches Interesse, sondern vor allem als eine Verpflichtung, die sich aus Werten wie Freiheit, Demokratie und dem Gefühl der europäischen Gemeinschaft ergebe.
Als polnische Teilnehmerin habe ich den Eindruck, dass das Café Kyiv weit mehr als nur eine Konferenz oder ein Solidaritätsfestival ist. Es ist ein Ort, an dem in Berlin symbolisch zwei Geschichten der Ostpolitik aufeinandertreffen – die deutsche und die polnische. In den Kinosälen des einstigen Colosseum-Kinos überschneidet sich die deutsche Zeitenwende mit der polnischen Expertise und Erfahrung. So warnten zahlreiche polnische Experten und Politiker bereits seit vielen Jahren vor der imperialen Politik des Kremls und forderten eine konsequente Unterstützung für die Souveränität der Ukraine. Im Osten Berlins, unweit der Orte, die einst die „Freundschaft mit Moskau” bekräftigen, zeigen die Reden von Vertretern aus Deutschland, Polen sowie der Zivilgesellschaft, dass sich die politische Geographie Europas neu ausgerichtet hat.
Das Café Kyiv – wenn auch in erster Linie der Ukraine gewidmet – wird somit ebenfalls zu einer symbolischen Brücke zwischen Berlin und Warschau. In seinen Räumlichkeiten und den dort geführten Gesprächen wird deutlich, dass die Zukunft der europäischen Ostpolitik anders als in der Vergangenheit gestaltet werden kann. Gespräche, die über die Zukunft entscheiden sollen, müssen nicht über den Köpfen von regionalen Staatschefs hinweg geführt werden, sondern in Zusammenarbeit mit ihnen zur Verteidigung ihrer Freiheit.
Wenn „Freedom must win” also mehr als nur ein Slogan sein soll, dann verwirklicht sich seine Bedeutung in solchen Momenten, in denen die deutsche Reflexion über die eigenen Fehler auf die konsequente Handlungsweise Polens trifft und ihr gemeinsamer Bezugspunkt eine souveräne, europäische Ukraine ist. Zweifellos brauchen wir mehr solcher Treffen.
Der Text entstand im Rahmen des Projekts „Zeitenwende in den deutsch-polnischen Beziehungen? Die neue Rolle Polens in Europa nach dem 24. Februar 2022”, das vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt (DPI), dem Jan-Nowak-Jeziorański-Kolleg für Osteuropa in Wojnowice (KEW) und der Technischen Universität Chemnitz (TU Chemnitz) durchgeführt und von der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung (DPWS) unterstützt wird.