Deutsches Polen-Institut
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Vorwort

Polen heute: 15 Jahre nach der demokratischen Wende und seit dem 1. Mai 2004 Mitglied in einer Europäischen Union der 25, das allein müsste schon Anlass genug für Zuversicht und Optimismus sein. Gerade jetzt werden jedoch die Schlagzeilen der polnischen Medien von innenpolitischen Affären beherrscht, die wegen ihrer möglichen Rückwirkungen auf die Glaubwürdigkeit der demokratischen Institutionen Sorge bereiten. Die Selbstzerfleischung des politischen Establishments, wie sie gerade bei den dramatisch aufgearbeiteten Affären deutlich geworden ist (allen voran die sogenannte Rywin-Affäre), hat bereits zu einer Isolation der politischen Eliten geführt, zu ihrem weitgehenden Ansehensverlust in der Bevölkerung, letztlich auch zur Wahl von populistischen Kräften oder Wahlabstinenz. Die von der Presse aufgedeckten politischen Skandale werfen die Frage auf, ob Machtmissbrauch, Nepotismus, Korruption und Selbstbedienung an der Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft zu systemischen Krankheitssymptomen der III. Republik geworden sind. Im Essay-Teil des aktuellen Jahrbuchs nehmen unsere Autoren Zdzis³aw Krasnodêbski und Adam Krzemiñski aus unterschiedlichen Positionen zu den innenpolitischen Entwicklungen sehr engagiert Stellung. Sie spiegeln mit ihren Beiträgen die aktuelle publizistische Auseinandersetzung über den Zustand der Republik wider, die der aufmerksame Leser der wichtigsten polnischen Printmedien fast täglich zur Kenntnis nehmen kann. Wir möchten Sie an dieser leidenschaftlichen Auseinandersetzung, die in Deutschland kaum wahrgenommen wird, teilnehmen lassen, ohne selbst Partei zu ergreifen.

Als Pendant zum letztjährigen Artikel von Hermann Schmidtendorf über das Bild Polens in den deutschsprachigen Medien ist der Bericht des Warschauer Welt-Korrespondenten Gerhard Gnauck zu sehen, der die Wahrnehmung Deutschlands durch die polnischen Medien analysiert. Stephan Wackwitz, Autor von »Ein unsichtbares Land« und langjähriger Direktor des Krakauer Goethe-Instituts, nimmt in seinem Beitrag Abschied von der nostalgischen Stadt, die intellektuell wie künstlerisch einen dramatischen Umbruch erlebt. Rolf Fieguth, der Übersetzer und Herausgeber von Witold Gombrowicz, untersucht die Rolle von Lachen und Ernst im Werk des polnischen Avantgardisten und Exzentrikers. Schließlich berichtet Krzysztof Karwat von der politischen, wirtschaftlichen und mentalen Lage im oberschlesischen Industriegebiet in den letzten 15 Jahren.

Im Literaturteil begegnen wir dem polnischen Ausnahme-Reporter Ryszard Kapu¶ciñski und präsentieren Fragmente seines »Selbstporträts«, einer Art Zitaten-Sammlung aus seinen Werken und Interviews über den Ethos seines Berufes, über Bücher und Bibliotheken, Karriere und Erfolg. Besonders aufschlussreich fanden wir seine Überlegungen zur Rolle und Macht der heute global operierenden Medien. Das Schaffen Józef Hens ist in Deutschland trotz seines ausgeprägten Interesses an deutsch-polnischen Themen relativ unbekannt, die Rezeption seiner Erzählungen fragmentarisch; die Übersetzungen älterer Werke sind vergriffen. Wir stellen zwei Erzählungen vor, die von gemeinsamen, aber unterschiedlich erlebten Kriegserlebnissen handeln. Die Poesie – ein fester Bestandteil des Jahrbuchs – repräsentiert in diesem Jahr Jerzy Harasymowicz, ebenfalls ein Klassiker, dessen Rezeption in Deutschland noch relativ große Lücken aufweist. Und zum ersten Mal wagt sich unser Jahrbuch an polnische Prosa aus der Gattung science fiction, die zur Zeit eine regelrechte Renaissance in Polen erlebt. Dies liegt, wie wir meinen, an den hervorragenden jungen Autoren, an dem großen Verlagsinteresse und einer wachsenden Fan-Gemeinde. Wir stellen in dieser Ausgabe Fragmente der Erzählung »Die Kathedrale« des wohl prominentesten SF-Autoren der jüngeren Generation, Jacek Dukaj, vor; illustriert haben wir sie mit Bildern aus dem für den Oskar nominierten Film »Katedra« von Tomek Bagiñski.

Die Chronik präsentiert in diesem Jahr Texte polnischer Autoren, die die Entwicklung der polnischen Literatur, des Theaters, des Films, der Musik und der Kunst in den Jahren 2003–2004 analysieren. Die Bibliographien runden das Angebot des Jahrbuchs auch in diesem Jahr ab.

Zuguterletzt noch zwei Hinweise in eigener Sache. Das Jahrbuch erscheint – wie der Name schon sagt – nur einmal im Jahr. Wenn Sie Interesse an aktuellen Informationen aus dem Deutschen Polen-Institut haben, können Sie einen Newsletter per e-Mail bestellen: kaluza.dpi@t-online.de oder besuchen Sie unsere neu gestaltete Homepage: www.deutsches-polen-institut.de

Die Redaktion

 
 
   
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