Deutsches Polen-Institut
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Jahrbuch 12 - Vorwort

Es sei keine leichte Aufgabe, eine griffige Lobrede auf Karl Dedecius zu schreiben, eine, die "nicht zu banal erscheinen würde", meint der Laudator - womit er Recht hat. So haben wir diese Aufgabe dem Dichter Adam Zagajewski überlassen, mit dessen treffenden Worten die Institutsmitarbeiter und die ANSICHTEN-Redaktion dem Jubilar Karl Dedecius zum 80. Geburtstag gratulieren, den er in wenigen Wochen feiern wird.
Unser Jahrbuch hat ihm einiges zu verdanken: Er hat es 1989 begründet, ihm auch seinen ersten Namen, "Deutsch-polnische Ansichten zur Literatur und Kultur", gegeben und ihm mehrmals als Autor und Übersetzer zur Verfügung gestanden.
Die ANSICHTEN warten auch dieses Jahr mit einem umfangreichen Leseangebot auf. Sie enthalten Berichte und Essays zu den deutsch-polnischen Beziehungen, polnische Literatur, Chroniken und Bibliographien.
Im Essay-Teil sind diesmal vorwiegend Beiträge zu politischen und kulturellen Themen zu finden. Den Prozess der Osterweiterung der Europäischen Union verfolgen wir bereits seit einiger Zeit; diesmal bieten wir einen spannenden Text von Roland Freudenstein über deutsche Ängste im Hinblick auf Polens EU-Beitritt. Marek A. Cichocki untersucht in seiner Analyse der Schwierigkeiten, die das politische Verhältnis zwischen Berlin und Warschau zur Zeit belasten, die Sphäre der Symbolik in den gemeinsamen politischen Kontakten. Gnesen als historisches Symbol für tausend Jahre währende Nachbarschaftsbeziehungen griff dabei zu kurz und scheiterte. Dennoch spricht der Autor von der Notwendigkeit einer plausiblen und wirksamen politischen Ikonographie zwischen Deutschen und Polen und fordert eine überzeugende Zukunftsvision für den politischen Dialog zwischen den beiden Nachbarn. Eine zeitgeschichtliche Charakteristik der deutschen Politik gegenüber Polen in den letzten dreißig Jahren bietet Dieter Bingen in seinem Vergleich der "Ostpolitiken" zweier harausragender Bundeskanzler: Willy Brandt und Helmut Kohl.

Das wohl wichtigste kulturpolitische Ereignis des Jahres stellte Polens Präsentation auf der Frankfurter Buchmesse im Rahmen des Programms POLAND dar.
Heinz Müller berichtet über die Wirkung dieses Auftritts beim deutschen Publikum und führt - natürlich nicht lückenlos - in die Neuerscheinungen von polnischer Literatur in deutscher Sprache ein.
Über die Aktivitäten des Deutschen Polen-Instituts auf und im Umfeld der Frankfurter Buchmesse 2000 berichtet ausführlich Andrzej Kaluza in der DPI-Chronik.
Neben mehreren anderen Neuerscheinungen konnte das Deutsche Polen-Institut just zur Zeit der Frankfurter Buchmesse die Bibliographie "Deutsch-polnische Beziehungen in Geschichte und Gegenwart" als Ergebnis einer jahrelangen Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek in Thorn (Torun) vorstellen.
Eine Würdigung dieses Werkes legt Hubert Or³owski vor. Den Essay-Teil runden wir mit einem spannenden Artikel von Wieland Schmied über die Person, das Werk und die Rezeption von Joseph Conrad ab.
Die Präsentation Polens in der "Gastland"-Halle der Frankfurter Buchmesse zeigte, dass die polnischen Regionen im Bereich Politik, Wirtschaft und Kultur eine immer wichtigere Rolle spielen: Mehrere Großstädte und Regionen (Stettin, Danzig, Breslau, Oberschlesien) stellten sich auf eigenen Ausstellungsflächen vor.

Im Literaturteil des Jahrbuchs gehen wir bewusst auf die Vielfalt dieser Thematik ein, auch wenn die regionalen Bezüge nur bruchstückhaft angesprochen werden können. Dennoch ist es uns einen Versuch wert: Seit Jahrhunderten kann Danzig, wie kaum eine andere Stadt im heutigen Polen, auf eine wechselvolle Entwicklung unter deutschen und polnischen Einflüssen zurückblicken. Die Schlüsselfunktion, die die Stadt an der Mottlau über mehrere Jahrhunderte in den Beziehungen zwischen Deutschen und Polen einnahm, ist in den kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Beziehungen der beiden Völker gestern wie heute spürbar. Zwei Fragmente aus dem autobiographischen Danzig-Buch von Maria Kurecka thematisieren den Aufmarsch der "braunen Massen" in den dreißiger Jahren, die die deutsche Vorherrschaft, ja Ausschließlichkeit für diese Stadt reklamierten.
In Danzigs mondänem Kurort, im Zoppot der Nachkriegszeit, sucht der Autor Jerzy Limon nach der Metaphysik einer "re-polonisierten" (Bierut-)Straße, deren Schicksal mit dem der polnischen Nachkriegsgenerationen bis in die neunziger Jahre aufs Engste verwoben zu sein scheint.

Eine aus heutiger Sicht "verlorene", kulturell dennoch in der Nachkriegszeit stets fruchtbare Region sind die ehemals polnischen Ostgebiete, oft "Kresy" genannt, eine vor dem Krieg multiethnisch und multikulturell geprägte Gegend. Die Auseinandersetzung mit den "Kresy" ist in der polnischen Literatur mehrmals angesprochen worden, ist doch der Verlust der Heimat eines der prägenden literarischen Motive der menschlichen Erfahrung der Gegenwart.
Das Werk des Emigrationsautors Zygmunt Haupt ist von der Sehnsucht nach dem Land seiner Jugend gekennzeichnet. Viele seiner Kurzerzählungen handeln von Erfahrungen in seiner ostgalizischen Heimat: von dem Leben in einer Kleinstadt, den Spielen in Burgruinen, von Gymnasialzeit und ersten Liebesempfindungen, von dem Lebensstil des verarmten Landadels und der Intelligenzija. Einige Kostproben aus der bisher noch nicht in deutscher Sprache erschienenen Prosa von Zygmunt Haupt möchten wir in dieser Ausgabe vorstellen.
Die "verlorene" Welt der vom jüdischen Leben geprägten ostpolnischen Kleinstädte lässt der neue Roman des mit der Stadt Zamosc verbundenen Autors Piotr Szewc wiedererstehen. Die eindrucksvollen Bilder von Jan K. Ostrowski vermitteln die heutige Atmosphäre der ehemals so bedeutenden Kulturlandschaft der unendlichen "Kresy".
Der aus dem oberschlesischen Chorzów stammende Dichter und Filmkritiker Wojciech Kuczok schildert in seinem Prosadebüt faszinierende psychosozial geprägte Porträts.
Dafür, dass die Lyrik nicht zu kurz kommt, sorgt eine Auswahl von Gedichten Mi³oszs, die Hans-Peter Hoelscher-Obermaier dem neuesten Lyrikband des Autors entnommen und übersetzt hat.
Im Chronikteil dieser Ausgabe finden Sie Beiträge unserer polnischen Autoren zur aktuellen Entwicklung der polnischen Literatur, der Musik, des Theaters und des Films, die letzten drei behandeln dabei den Zeitraum der letzten zwei Jahre. Im nächsten Jahr werden wieder die deutschen Beobachter der deutsch-polnischen Kulturszene an der Reihe sein.

Die Redaktion


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