Es war eine Premiere: 20 Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus Deutschland und Polen trafen sich im September 2008 für zehn Tage zur ersten interdisziplinären Sommerschule des Deutschen Polen-Instituts. „Bilanzen der Transformation in Polen“ hieß das Thema des Seminars, das teils in Darmstadt, teils in Görlitz stattfand. Ökonomen, Historiker, Literaturwissenschaftler, Soziologen, Geographen, Politikwissenschaftler – sie alle waren begeistert von den dichten, aber ungezwungenen Diskussionen, den fachübergreifenden Perspektiven und den Eindrücken eines reichen Programms.
Im Zentrum der Sommerschule standen fünf Thementage, deren Leitung renommierte Vertreter der jeweiligen Fachgebiete übernommen hatten. Prof. Dr. W³odzimierz Borodziej vertrat die Zeitgeschichte, Prof. Dr. Klaus Ziemer die Politikwissenschaft, Prof. Dr. Wolfgang Schlott die Kulturwissenschaft, Prof. Dr. Jan Winiecki die Wirtschaftswissenschaft und Prof. Dr. Miros³awa Grabowska die Soziologie. Sie beleuchteten in ihren Vorträgen aus der Sicht ihrer Disziplinen das Thema „Transformation“, teils mit umfangreichem Datenmaterial, teils mit Texten, stets umfassend und kompetent. Intensive Diskussionen waren ebenso Bestandteil dieser Thementage wie Projektpräsentationen der Teilnehmer. Dabei wurde deutlich, wie viele Themenfelder – von junger Prosa bis zu bürgerschaftlichem Engagement in Kleinstädten, von urbaner Architektur bis zur Ökonomie der Korruption – im Kontext der Transformation bearbeitet werden, wie viel aber, gerade in disziplinenübergreifender Perspektive, auch noch zu tun bleibt.
Zwei Abendvorträge waren höchst unterschiedlicher Natur: Während Prof. Dr. Gesine Schwan in einer öffentlichen Veranstaltung in Darmstadt vor rund 320 Gästen über „Polens Transformation nach 1989: Ergebnisse und Perspektiven“ sprach, stellte Prof. Dr. Alfred Gall in Görlitz in einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Studienstiftung des Deutschen Volkes „(Post-) Koloniales Osteuropa? Erkenntnisperspektiven der Postcolonial Studies“ vor.
Mehrere Exkursionen bereicherten das Programm: Auf der Fahrt nach Görlitz gab es einen Besuch in der Gedenkstätte Buchenwald sowie in der Weimarer Stiftung Ettersberg zur vergleichenden Erforschung europäischer Diktaturen und ihrer Überwindung, in deren Arbeit Stiftungsvorsitzender Prof. Dr. Hans-Joachim Veen einführte. In Görlitz, wo das Institut für kulturelle Infrastruktur Sachsen und Prof. Dr. Matthias Vogt Projektpartner war, standen an einem Tag Gespräche und Rundgänge mit Vertretern der Städte Görlitz und Zgorzelec, von Wirtschaftsförderungsgesellschaften und Stadtarchitekten auf dem Programm. Einen weiteren Tag verbrachten die Teilnehmer auf einer Fahrt durch eine Transformationslandschaft, die über den Berzdorfer See, einen ehemaligen Braunkohletagebau, das Braunkohlekraftwerk Turów und Herrnhut zur Umweltbibliothek Großhennersdorf führte.
Die erste interdisziplinäre Sommerschule des Deutschen Polen-Instituts war ein Erfolg. Er war nicht nur dem runden Programm geschuldet, sondern auch den Teilnehmern, die mit ihrem ganz unterschiedlichen akademischen Horizont eine überaus diskussionsfreudige und wunderbar harmonierende Gruppe bildeten.
Die Sommerschule wurde gefördert von der Zeit Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius sowie der Deutschen Bank AG und wird im kommenden Jahr mit einem anderen Thema wieder stattfinden.
Peter Oliver Loew
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