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Jan Maria Piskorski
Erinnerung als Aussöhnung
Von nationalen Obsessionen, schöngefärbten Geschichten und dem Nutzen, schmutzige Wäsche zu waschen
Der Autor behandelt zwei Wege, mit einer schwierigen Vergangenheit umzugehen: die altgriechische idée fixe des Vergessens als Weg zur Aussöhnung sowie die Konzeption einer Aussöhnung durch Erinnern, die ihre Wurzeln vermutlich im Judentum hat. Ohne sich darüber auszusprechen, welcher dieser Wege der bessere ist, stellt er fest, dass beim gegenwärtigen Zustand der Mittel zum Speichern von Gedächtnis sowie angesichts des heutigen Bildungswesens eine Rückkehr zum Gedanken der antiken Griechen nicht mehr real möglich ist. Weder werden uns die Götter Vergessen schicken noch sind wir davon überzeugt, dass wir dies tatsächlich wollten. Nach den Dramen und Tragödien des 20. Jahrhunderts ziehen wir es vor, uns auf die Erinnerung als Grundlage von Aussöhnung zu berufen, selbst wenn wir – nicht ohne Grund – nicht davon überzeugt sind, ob uns dies eine größere Garantie für eine günstige Zukunft geben wird.
Dazu verurteilt, mit unserer Erinnerung zu leben, können wir nicht davor zurückschrecken, sie in der öffentlichen Debatte stets aufzufrischen, selbst wenn wir keine Antworten auf die Frage kennen, wie viel Erinnerung wir überhaupt ertragen können. Ein Leben mit einer immer wieder neu geschriebenen Geschichte ist nicht einfach, und wir lernen es eigentlich erst, doch hat es nicht den Anschein, dass wir – als Individuen, Gruppen und Nationen – anders leben könnten. Erinnerung und Geschichte bilden im Labyrinth der Generationen eine „Brücke am Abhang“, so wie in Wis³awa Szymborskas Gedicht – eine Brücke, doch eine schwankende, / eine schwankende, doch die einzige, / denn eine andere gibt es nicht.
Prof. Dr. Jan Maria Piskorski (geb. 1956) ist Professor für vergleichende Geschichte Europas an der Universität Stettin
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