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Jan Kusber
Das „Wunder an der Weichsel“ oder Polens Nachbar im Osten
Das „Wunder an der Weichsel“, jene Schlacht bei Warschau im August 1920, gehört zu den Gründungsmythen wiedererlangter polnischer Staatlichkeit nach dem Ersten Weltkrieg. Dem immer wieder aktualisierten Gedenken an diesen Sieg über die sowjetrussische Bedrohung aus dem Osten kam gerade bei den schwierigen Konjunkturen der „Fremdherrschaft“ – bereits bei der Erinnerung an das Zarenreich, dann aber im sowjetischen Experiment einer totalitären Modernisierungsdiktatur Bedeutung zu, die in dem polnisch-russischen Verhältnis nach dem Ende des Kommunismus fortwirken. Das Wunder an der Weichsel als Moment der Selbstbehauptung gegenüber dem als übermächtig empfundenen Nachbarn im Osten spielte in den Debatten gerade dann eine Rolle, wenn sich in dem schwierigen Verhältnis Ohnmachtsgefühle einstellten: Katyn, der Warschauer Aufstand, das Kriegsrecht seien hier genannt. Der Vortrag nimmt ausgehend vom Mythos des „Wunders an der Weichsel“ mithin die polnisch-russische Verflechtungsgeschichte und ihre Erinnerungskulturen des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts in den Blick.
Prof. Dr. Jan Kusber (geb. 1966) ist Professor für Osteuropäische Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
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