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Dankrede
Ryszard Wojnakowski
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
von Preisträgern wird ein bisschen mehr erwartet als eine Handvoll Phrasen. Andererseits ist es schwierig, seine Berufsphilosophie und seinen Platz an der Schnittstelle zweier Kulturen und Sprachen in Form einiger kurzer und leichtverständlicher Ausführungen zu definieren. Hinzu kommt, dass übersetzungs- und kulturwissenschaftliche Vorträge nicht meine Spezialität sind. Wie Claus Sprick, der Präsident des Europäischen Übersetzer-Kollegiums in Straelen, einmal gesagt hat, ist Übersetzungstheorie für uns, die Übersetzer, ungefähr so spannend wie Ornithologie für die Vögel. Trotzdem gilt es, sich dieser Situation zu stellen.
Ganz unkonventionell beginne ich mit dem Bekenntnis, dass ich der dritte Karl-Dedecius-Preisträger aus Krakau bin, aber der erste, der diesen Preis hier vor Ort entgegennimmt. Seitdem ich nicht mehr zur physischen Anwesenheit am Arbeitsplatz verpflichtet bin und seitdem man Verlagsangelegenheiten am Telefon oder übers Internet erledigt, habe ich allerdings immer seltener mit dem Zentrum unserer Stadt zu tun.
Doch hier hat alles angefangen. Vor allem am Sitz der Krakauer Sektion des Polnischen Schriftsteller-Verbandes in der Krupnicza-Straße 22, wo sich einmal im Monat junge Übersetzer trafen. Das war in längst vergangenen Zeiten, zum Ende meines Studiums und in den darauf folgenden Jahren, als die Verlage kein Papier hatten, weil dies eine reglementierte und politisch heikle Ware war, ein Symbol medialer Macht. Es wurden nur wenige Bücher veröffentlicht, und wenn schon, dann auf wenig edlem Papier, aber dafür in hohen Auflagen. Die Auflage des ersten Buches, das ich vollständig übersetzt habe, belief sich auf 20.000 Exemplare. Und das war nichts Ungewöhnliches. Damals, Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre, nahmen jedoch die Literaturzeitschriften Fragmente von Prosa und Lyrik an: die Zeitschrift „Przekrój“ in der Reformacka-Straße, die Zeitschrift „¯ycie Literackie“ in der Wi¶lna-Straße, und später, in der sogenannten ersten Solidarno¶æ-Phase, die Zeitschrift „Pismo Artystyczno-Literackie“, die ihr Profil – und ihre Mitarbeiter – nach dem 13. Dezember 1981 komplett veränderte. Wie Sie sehen, hatte Krakau – zumindest bis vor nicht allzu langer Zeit – keinen Mangel an Literaturzeitschriften, zumal es auch noch die Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“ in der Wi¶lna-Straße gab. Der Vollständigkeit halber erwähne ich außerdem die später gegründete Zeitschrift „Dekada Literacka“ in der Kanonicza-Straße. Wären nicht die Zeitschriften gewesen, denen ich meine Übersetzungen anbot – ich debütierte 1979 mit Heinrich Bölls „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ in der Zeitschrift „Przekrój“ – wäre ich bestimmt kein Übersetzer geworden. Denn in Krakau, das muss man zugeben, gab es keine Tradition der Veröffentlichung deutschsprachiger Literatur. Natürlich kann man immer für die eigene Schublade übersetzen und auf diese Weise seine übersetzerischen Fertigkeiten entwickeln – was im Übrigen zu Beginn der achtziger Jahre mein wichtigstes Hobby war.
Ich denke, dass dieser historische Exkurs die Gäste aus Deutschland und den Teil des polnischen Publikums, der keine Erinnerungen an jene Zeiten hat, schon zu langweilen beginnt. Als ich mein erstes Buch übersetzt hatte, konnte es nur noch besser werden. Und es zeigte sich, dass es außerhalb von Krakau Verlage gab, die auf Übersetzungen deutschsprachiger Literatur spezialisiert waren und dass die Übersetzer dieser Literatur jenseits der Grenze echte Freunde und Protektoren hatten, dass nicht allein mir der – wie man heute sagen würde – Transfer der Kulturgüter von Elbe und Rhein an die Weichsel am Herzen lag. An dieser Stelle erlaube ich mir, meinen historischen Exkurs zu beenden, denn danach, vor allem nach 1989, normalisierte sich alles. Ich würde nicht behaupten, dass früher alles schlechter war, aber die Eröffnung von Perspektiven und vor allem die Öffnung der Grenzen waren fühlbar und dienten insbesondere der Kultur. Wir beobachteten den Westen aus der Nähe und begannen, die Kluft nach und nach zuzuschütten, heute sind wir sogar auf Augenhöhe. Der gegenseitige, wenngleich nicht symmetrische Kulturaustausch kann natürlich in unterschiedlichen Richtungen verlaufen, im Fall von Übersetzungen kann er manchmal auch zu unfreiwilligen Missverständnissen führen.
Im Jahr 1902 wurde Goethes berühmtes Gedicht „Über allen Gipfeln ist Ruh“ ins Japanische übertragen:
Über allen Gipfeln
ist Ruh.
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vöglein schweigen im Walde!
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
Neun Jahre später übersetzte ein Franzose in der irrigen Annahme, es handele sich um ein japanisches Originalgedicht, die Goethe-Verse aus dem Japanischen ins Französische. Von einem deutschen Nachdichter fernöstlicher Lyrik wurde das Goethe-Gedicht schließlich ins Deutsche zurückübersetzt und als „japanisches Nachtlied“ in einer deutschen Zeitschrift veröffentlicht.
Aus den Versen war mittlerweile Folgendes geworden:
Stille ist im Pavillon aus Jade.
Krähen fliegen stumm
Zu beschneiten Kirschbäumen im Mondlicht.
Ich sitze
Und weine.
Ich hoffe, dass diejenigen, die diese hübsche Anekdote schon gehört oder gelesen haben, mir verzeihen werden, dass ich sie hier noch einmal zum Besten gegeben habe.
Obwohl den deutschen und österreichischen Institutionen, die sich bei der Belebung des Kulturaustausches die größten Verdienste erworben haben – vor allem das Deutsche Polen-Institut und die Robert Bosch Stiftung –, schon viele Ehrungen zuteil wurden, erwähne ich sie mit Dankbarkeit ein weiteres Mal (um Karl Dedecius, das DPI und sein Werk hinreichend zu würdigen, wäre ein gesondertes Referat erforderlich!) und nenne auch die Österreichische Gesellschaft für Literatur. Auf einer Studienreise mit einer Gruppe polnischer Übersetzer habe ich in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre zum ersten Mal das Europäische Übersetzer-Kollegium in Straelen betreten. Auf diesen drei Säulen konnte ich meine berufliche Position aufbauen: Ich konnte mich auf die Übersetzung von Literatur konzentrieren, ich konnte mich bilden, Versäumtes nachholen, Ansichten austauschen, mich inspirieren lassen und manchmal auch andere inspirieren, technische Hilfsmittel kennenlernen und mich darin üben, aus einem anderen Blickwinkel auf den eigenen Beruf zu schauen. Obwohl die Kollegen aus dem Westen uns, die polnischen Übersetzer, um manche Lösungen beneiden, die im polnischen Gesetz über das Urheberrecht festgeschrieben sind, denke ich, dass uns allen gedient wäre, wenn die wichtigsten Dinge auf der Ebene der Europäischen Union geregelt würden. Die Gäste aus Deutschland erinnern sich vielleicht an den Übersetzer-Streit aus dem Jahr 2007. Karl Dedecius hat einmal gesagt, dass das literarische Übersetzen eine Passion, eine Leidenschaft sei. Meiner Ansicht nach zeigt sich darin seine romantische Grundeinstellung, die ich als Pole gerne teile – doch für die deutschen Übersetzer ist eine pragmatische Herangehensweise typischer.
Die Wortwahl von Karl Dedecius würde ich etwas modifizieren, genauer gesagt präzisieren. Das Übersetzen ist vielleicht weniger eine „Leidenschaft“ als eine Abhängigkeit, ein Laster – eine Sucht. Ein solches Bild des Übersetzers ergibt sich aus meinen Erfahrungen. Wer aus echter Überzeugung einmal mit dem Übersetzen begonnen hat, der hört nicht mehr damit auf, der wird von dieser „Krankheit“ nicht mehr geheilt. Nur die Schwächlinge und die, die auf diesem Gebiet das leichte Geld und die schnelle Karriere suchten, haben alsbald die Segel gestrichen. Das Übersetzen fesselt mehr als jede normale Arbeit, für diese Tätigkeit kann man – was vielleicht töricht ist – einiges opfern. Nicht jeder kann sich hauptberuflich und derart intensiv – die meisten von Ihnen wissen sicher, dass die Wochenarbeitszeit eines Übersetzers 40 Stunden bei weitem überschreitet – mit etwas beschäftigen, das er leidenschaftlich liebt. Dafür nimmt man kleinere Unannehmlichkeiten gerne in Kauf. Die Möglichkeit einer wahrhaft kreativen, wenngleich bisweilen mühseligen Arbeit und die Befriedigung, die man aus dem Gelingen schöpft, entschädigen für alles. Wobei ich zugeben muss, dass die unablässige Suche nach optimalen Lösungen zwar das Wesen der übersetzerischen Tätigkeit ausmacht und sie – wenn ich das so sagen darf – der Kunst des Juweliers oder des Uhrmachers vergleichbar erscheinen lässt, dass sie aber häufig, vor allem bei Lyrikübersetzungen, mit einem Gefühl der Unbefriedigung einhergeht. Man weiß, dass da etwas noch unfertig, noch nicht harmonisch ist, manchmal weiß man sogar, was es ist. Und trotzdem muss man sich geschlagen geben, eingestehen, dass man das Problem nicht lösen kann – weil man nicht bis in alle Ewigkeit darüber grübeln kann.
Heute stehe ich vor Ihnen mit großer Rührung, weil ich mit der höchsten Auszeichnung geehrt wurde, die einem Übersetzer deutschsprachiger Literatur zuteil werden kann. Wenn ich jetzt denen danke, die diesen Preis gestiftet und mir verliehen haben – der Robert Bosch Stiftung und dem Deutschen Polen-Institut –, wenn ich mich über den beruflichen Erfolg freue und mir der zweifachen Verpflichtung bewusst bin, die nun auf mir lastet – nämlich weiterzumachen und das Niveau zu halten –, dann muss ich nicht darüber nachdenken, ob es sich gelohnt hat. Hat es sich gelohnt, in das alles ein großes Stück Lebenszeit zu investieren? Mit Sicherheit ja! Ich finde, dass ich bislang ein interessantes Leben hatte. Ich konnte mich mit schöner und kluger Literatur befassen, neue Welten entdecken, durch die Bücher bin ich hervorragenden Autoren begegnet, lebenden und toten, ich habe viele wunderbare Menschen kennengelernt, die meine Passion, oder vielleicht mein Laster, teilen. Was mehr könnte ich wünschen? Ich wusste, dass ich früher oder später dem Pathos anheim falle. Gut, dass es erst zum Ende passiert ist.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Übersetzung: Dörte Lüdvogt
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