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Dankrede
Renate Schmidgall
Ich habe nie geplant, Übersetzerin zu werden. Als ich Ende der siebziger Jahre innerhalb meines Slawistikstudiums Polnisch lernte, lasen wir Gedichte von Ryszard Krynicki, Leszek Szaruga und anderen aus „Puls“ und „Kultura“. Ohne zu wissen warum, übersetzte ich diejenigen, die mir am besten gefielen. Offensichtlich hatte ich ein Bedürfnis nach mehr als der passiven Lektüre. Die Übersetzungen legte ich in die Schublade, ich getraute mich damals nicht, an jemanden heranzutreten, um sie zu publizieren.
Als ich durch einen glücklichen Zufall einige Jahre danach in Darmstadt in Kontakt mit Karl Dedecius und seinem Polen-Institut kam, erfuhr ich dort von einer geplanten Gesamtausgabe der Werke von Witold Gombrowicz. Da Gombrowicz mich interessierte und ich meine Magisterarbeit über „Ferdydurke“ geschrieben hatte, wagte ich Dedecius auf eine Mitarbeit anzusprechen, und er ermutigte mich, es bei Hanser einfach zu versuchen. So kam ich zur Neu-Übersetzung des Romans „Pornographie“, die 1984 erschien.
Von da an war ich mit dem Bazillus des Übersetzens infiziert, wenn sich die Materie meiner Arbeit auch bald ändern sollte. An Gombrowicz faszinierte mich mehr der Inhalt seiner Werke, der psychologische Grundstoff der Unreife des Menschen und der Abhängigkeit vom Anderen, als der Stil beziehungsweise die Sprache. Nicht die Parodie und die Groteske der Zwischenkriegszeit wurden meine Leidenschaft, sondern das traditionelle, von Humor und feiner Ironie, manchmal auch Melancholie geprägte Erzählen aus der Mitte der eigenen Erfahrung heraus, die Autoren der 80-er und 90-er Jahre, die mehr oder weniger meiner Generation angehören: Pawe³ Huelle, dessen „Weiser Dawidek“ meine erste bewusste Entscheidung war, danach Stefan Chwin, Aleksander Jurewicz, Andrzej Stasiuk, Marek £awrynowicz – und nicht zuletzt die vielen Lyriker Polens, die zunächst unter dem Einfluss der politischen Verhältnisse, später frei davon, einen Ausdruck für das suchten, was sie umtrieb: Krynicki, Zagajewski, Piotr Sommer, Bronis³aw Maj, Maciej Niemiec, Marzanna Kielar, um nur einige zu nennen.
Meine Arbeit entspringt also einem Bedürfnis nach sprachlichem Ausdruck, und es ist nicht mehr und nicht weniger als die Strahlkraft der Literatur, die mich zum Übersetzen brachte. Diese Kraft hatte auch eine topografische Komponente: Der erste Ort in Polen, zu dem ich eine Beziehung entwickelte, war Danzig. Dort hatte ich Freunde, dort streifte ich auf den Spuren von Günter Grass durch das untere Langfuhr, noch bevor mich Pawe³ Huelle mit seinem „Dawidek“ begeisterte und ich mit ihm durch das obere Wrzeszcz wanderte, mir die gesprengten Brücken, den Friedhof von Brêtowo, die Täler in Oliwa und andere Schauplätze des Romans ansah. Das obere Wrzeszcz von Huelle und das untere Langfuhr von Grass sind nicht nur durch die Bahnlinie, sondern auch durch die Naziherrschaft und den Krieg getrennt. Vieles wurde zerstört, doch die Orte blieben, und ihre Namen sind heute polnisch. Huelle, ein hervorragender Kenner der deutschen Literatur und Philosophie, beschwört in seinen Romanen und Erzählungen immer wieder die Topografie seiner Stadt und nimmt dabei auch die deutschen Spuren auf. Er webt ein Netz von Orten und Gestalten, das der Stadt – über den historischen Bruch hinweg – Kontinuität und Identität verleiht. In einer meiner Lieblingsgeschichten, in „Schnecken, Pfützen, Regen“, unterhält sich der Vater des Erzählers mit Herrn Kosterke, der vor dem Krieg einen Kolonialwarenladen hatte, und es heißt: „Und plötzlich, wie durch die Berührung einer unsichtbaren Hand, begannen sich in der dünnen Luft der Holzbude die Zeitebenen zu vermischen, und der dunkle Geschäftsraum füllte sich mit dem Duft von Kaffee, Zimt, Ingwer, Muskat, mit dem Duft von Nelken und Moselwein, Herr Kosterke besaß wieder sein echtes Bein und stand hinter der blitzenden Theke aus Eichenholz, stand da und rauchte eine Zigarette der Marke Vineta der Danziger Tabakmonopol-Aktiengesellschaft, während mein Vater auf der anderen Seite des Tresens eine im Lager von Kummer am Grünen Tor gekaufte Okassa Zarotto rauchte (...)“
Literatur hebt die Zeit auf. Sie macht gewöhnliche Orte zu mythischen Orten, und es ist ein wunderbares Gefühl, die aus der Literatur bekannten Straßen und Häuser in der Realität wiederzufinden – und umgekehrt.
Ähnlich wie in Danzig ging es mir später auch in Stasiuks Galizien, als ich auf dem menschenleeren Marktplatz von Dukla stand oder den Cergowa-Berg betrachtete, der in den „Galizischen Geschichten“ den Himmel zu halten versucht. Am Ende dieser Erzählungen heißt es: „... für einen Moment verwandelte das Licht ihre Knochen zu Asche und ihre Körper zu Staub, damit sie ihre Namen und Formen vergaßen, ihren Schmerz, ihre Last und die Zeit, die in den Adern nistet gleich heißem Sand oder Blei, und nie, aber auch nie eine Pause gewährt.“ Diese Pause gewährt die Literatur. Sie ist wie das Licht, das einen neuen, einen metaphysischen Raum öffnet, in dem sich unsere Seele ein wenig vom Alltag erholen kann.
Schreiben ist wohl immer der Versuch, all die Orte, Dinge, Menschen und Ereignisse des Lebens nicht im Nichts versinken zu lassen. Übersetzen ist das Schreiben fremder Texte in der eigenen Sprache. Wie das vor sich geht, weiß ich nicht. Jedenfalls ist es eine beglückende Tätigkeit, eine intuitive, kreative, praktische Tätigkeit, zu der ich keinerlei Theorie brauche. Obwohl ich Sprach- und Literaturwissenschaft studiert habe, kann ich zu diesem Prozess wenig sagen. Im Glücksfall schreibe ich einen polnischen Text auf deutsch neu und empfinde den deutschen Text als ebenso gelungen in Aussage, Rhythmus, Ton, Melodie, als ebenso berührend. Denn das ist der Zweck von Literatur, wenn man ihr überhaupt einen unterstellen möchte: den Leser mental und emotional zu berühren.
Wenn man vom Übersetzen leben will, muss man auf vieles verzichten, nicht nur materiell. Manchmal muss ich das Bedürfnis, selbst zu schreiben, unterdrücken, weil dafür kein Raum, keine Energie bleibt; manchmal trauere ich meiner Freude am Analysieren und Interpretieren von Texten nach, die viel zu kurz kommt. Vermutlich geht all das – sublimiert – in die Übersetzung ein. Meine Aufgabe ist es, den deutschen Lesern gute polnische Literatur zu schenken. Wenn ich spüre, dass die Begeisterung, Nachdenklichkeit oder auch Erschütterung, die der polnische Text in mir auslöst, sich auf den deutschen Leser überträgt, kann ich zufrieden sein.
Wilhelm Genazino schreibt in einem Essay: „Die meisten Menschen lesen nur, um ihre Unruhe zu bändigen. (...) Eine gelungene Lektüre versetzt sie gar in die Täuschung, im Text selber eine Art Zuhause, eine überindividuelle Heimat zu finden, von der sie gleichzeitig wissen, daß sie eine Vorspiegelung ist.“ So sehr ich Genazinos brillante Texte schätze, in diesem letzten Punkt bin ich nicht seiner Meinung: Das Zuhause, das wir in der Literatur finden, ist nicht vorgespiegelt – es ist vielleicht wahrhaftiger und dauerhafter als jede andere Heimat. Denn die Geborgenheit in der Literatur kann uns nicht abhanden kommen. Wir verlieren sie erst, wenn wir uns selbst verlieren.
Ich danke der Robert Bosch Stiftung für diesen Preis, für ihr großes Engagement für die Literatur und die Übersetzer, ich danke den Jury-Mitgliedern, die mich auserkoren haben, ich danke Herrn Dr. Dedecius, dessen ungewöhnliche Persönlichkeit viele Jahre die Atmosphäre des Deutschen Polen-Instituts bestimmt hat und dessen charmante Mischung aus Leichtigkeit und Strenge meine Arbeit sicher mehr geprägt hat, als mir damals bewusst war.
Und schließlich danke ich meinen Autoren für ihre wunderbaren Romane, Erzählungen, Gedichte, für ihre Hilfsbereitschaft, den Zutritt zu ihrer Welt, für all die Gespräche und Geschichten – und für ihre Freundschaft, die mein Leben reicher macht.
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