Deutsches Polen-Institut
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Laudatio auf Ryszard Wojnakowski

Tanja Kinkel

Übersetzer-Forscher-Entdecker

Es war im Jahr 1996, da bekam ich ein sehr ausführliches Schreiben aus Polen. Ich bekam es als Fax, vier, fünf Seiten lang auf jenem gelblichen Papier, das sich aus meinem Telefongerät quälte, eng beschrieben, und worum es in jenem ersten Schreiben aus Polen, das ich je erhielt, ging, das war mein Roman „Mondlaub“. Ein gewisser Ryszard Wojnakowski stellte sich mir als Übersetzer vor.  Die Mehrzahl der Charaktere meines Romans, der während der letzten zwanzig Jahre der Maurenherrschaft in Granada spielt, sind Moslems und zitieren den Koran daher ausgiebig. Ryszard Wojnakowski, so erfuhr ich aus dem Fax, hatte sich die Mühe gamacht, jedes einzelne Koranzitat in der polnischen Übersetzung des Korans nachzuschlagen, statt die bequeme und ungenauere Lösung zu wählen, nämlich die deutsche Übersetzung, die ich benutzt hatte, seinerseits weiter zu übersetzen. Nur zwei Zitate hatte er nicht gefunden, und nun bat er mich, ihm zu sagen, aus welcher Sure sie stammten. Meine Damen und Herren, ich war zutiefst beeindruckt. Nicht nur als Autorin, sondern auch als Leserin.

Übersetzungen gehören für mich zu den schönsten transzendenten Gesten, zu denen wir Menschen imstande sind. Es gibt in der Bibel eine Geschichte, um die unendliche Sprachvielfalt unseres Planeten zu erklären: die Geschichte des Turmbaus zu Babel, die Geschichte von der Verwirrung der Zungen, in welche die Erbauer verfielen, die Geschichte von den Kämpfen, die zwischen den Menschen ausbrachen, als sie sich nicht mehr miteinander verständigen konnten. „Du verstehst mich nicht!“ Wie oft hören wir andere Menschen das sagen, selbst und gerade diejenigen, die doch eigentlich die gleiche Sprache wie wir sprechen. „Das ist ein Missverständnis“ ist ein anderer geläufiger Ausdruck; Missverständnisse haben nur allzu oft  üble Folgen.

Doch wer mehr als eine Sprache beherrscht, kann  übersetzen. Dieses Wort, „über-setzen“, beschwört in meiner eigenen Sprache ein ganz bestimmtes Bild; das eines Fährmanns, der einen Fluss überquert, von einem Ufer zu anderen, der mit seinem Boot – über setzt.  Sprachen sind wie von Flüssen getrennte Länder; jede hat ihre eigenen Reichtümer, ihre Geschichte, ihre Schätze. Aber das, was sie trennt, ist kein Wall, keine Mauer, sondern etwas Fließendes, Wasser, das beide erreicht und verbindet, ein Fluss, auf dem man von einem zum anderen Ufer über-setzen kann. Nun kann man das auf mannigfaltige Weise tun. Manchmal nur, um bloße Fakten auszutauschen. Manchmal ist der Besuch des anderen Ufers nur ein kurzer und hastiger, und der Besucher nimmt sich kaum die Zeit, das Land am anderen Ufer wirklich zu ergründen; wenn er zurückkehrt, dann kann er auch nur Flüchtiges oder gar Verzerrtes berichten. Aber Fährmänner wie Ryszard Wojnakowski tun viel mehr.

Ryszard Wojnakowski begann seine Entdeckungsfahrten durch den Fluss der Sprachen durch das Studium der Germanistik. Das muss ein gutes Training für seine spätere Übersetzertätigkeit gewesen sein; wenn man Glück mit seinen Dozenten und Mitstudenten hat, dann kann Lernen, in seiner besten Form, bedeuten, einander mit seiner eigenen Begeisterung für das, was man lernt, anzustecken, ganz gleich wie neu und manchmal völlig unbegreiflich der Stoff auch sein mag. Danach arbeitete er zehn Jahre lang als Verlagslektor bei Wydawnictwo Literackie, und auch diese Tätigkeit stelle ich mir durchaus verwandt vor, wenn ich an meine eigenen Lektoren denke, die meine Manuskripte von ihrer Rohform bis zu der Form begleiten und so manchen Gedanken erst richtig aus mir herausgelockt haben. Einfühlungsvermögen ist bei einem Lektor gefragt und Präzision; beides ist auch für einen Übersetzer wesentlich. Genau, wie kein Manuskript gleich schon in der Erstfassung druckfertig ist, stellt auch keine bloße wortwörtliche Übersetzung wirklich das Gegenstück eines Romans in einer anderen Sprache dar. Nein, ein echter Fährmann zwischen beiden Ufern muss sich auf den jeweiligen Autor wirklich einlassen, sich in ihn hineindenken, und muss seine eigene Sprache wie ein Instrument beherrschen, um den neuen Lesern vom anderen Ufer das Buch als Entdeckung präsentieren zu können.

Wenn man sich die Bibliografie von Ryszard Wojnakowski anschaut, dann fällt einem auf, dass er sich bei seinen Entdeckungsfahrten durch die Gewässer der deutschen Literatur keineswegs nur auf eine einzige Strömung einließ. Alfred Andersch, mein Mitbayer, und seine autobiografisch inspirierte Novelle „Der Vater eines Mörders“  wurden von ihm übersetzt; jene so trügerisch einfach scheinende Beschreibung einer Griechisch-Stunde im Münchner Wittelsbacher Gymnasium im Mai 1928, die vom Oberstudiendirektor Himmler unterbrochen wird, eine Schulgeschichte, wie sie der Autor nennt, die doch gleichzeitig so viel von dem einfängt, was das nächste Jahrzehnt in Deutschland erst möglich machte. Heinrich Böll, so rheinländisch wie Andersch bayrisch, die berühmteste literarische Stimme der Bonner Republik. Erich Maria Remarque, ein Niedersachse, zwei Straßen von meinem Großvater väterlicherseits in Osnabrück aufgewachsen und der Welt vor allem wegen „Im Westen nichts Neues“ in Erinnerung, dem berühmtesten deutschsprachigen Roman über den ersten Weltkrieg; Ryszard Wojnakowski gab Remarques späteren Werken eine polnische Stimme, jenen intensiven Schilderungen der Emigrantenzeit, wie sie Remarque während des Dritten Reichs selbst erleben musste: „Arc de Triomphe“, „Schatten im Paradies.“

Dann wieder Autoren wie Michael Ende, der mit seiner unglaublichen Phantasie und sprachlichen Sensibilität einige der beliebtesten Kinderbücher der letzten Jahrzehnte verfasste. Seinen Durchbruch in diesem Genre hatte Michael Ende mit „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ und dessen Fortsetzung „Jim Knopf und die Wilde 13“. Wir deutschen Ende-Leser sind uns nie einig, ob nun „Die Unendliche Geschichte“ oder „Momo“ sein bestes Buch ist – man kann sich eigentlich immer darauf verlassen, dass die Anhänger des einen das andere nicht mögen. Aber jeder, wirklich jeder Ende-Leser liebt Jim Knopf, den schwarzen Jungen, der eines Tages in einem Paket auf der Insel Lummerland abgegeben wird und sie später mit seinem Freund Lukas und dessen Lokomotive Emma wieder verlässt, um Abenteuer in fernen Ländern zu bestehen.  Abenteuer, die polnische Kinder dank Ryszard Wojnakowski genauso wie polnische Erwachsene ebenfalls mitverfolgen, miterleben können.
Michael Ende liebt in seinen Romanen Wortspiele und Verse; es gibt einen Drachen namens Frau Mahlzahn, und der König von Lummerland heißt Alfons der Viertel-vor-Zwölfte. Es gibt auch das Lummerlandlied, das ich Ihnen aber nicht vorsingen werde, weil ich Ihre Ohren vor meiner Stimme schützen möchte. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach war, all das auf polnisch genauso amüsant klingen zu lassen, wie es auf Deutsch der Fall ist, aber ich weiß, dass es Ryszard Wojnakowski Spaß machte.

Ähnliche Freude hatte er auch an einem historischen Roman wie Horst Sterns „Mann von Apulien“, über Friedrich II. von Hohenstaufen, einen der interessantesten Männer des Mittelalters, der in Sizilien zwischen mehreren Kulturen aufwuchs, von den Wissenschaften fasziniert war, eine noch heute relevante Abhandlung über Falken schrieb und die italienische Dichtkunst mit ins Leben ruf. Stern packt seinen Roman voller erfundener, den mittelalterlichen Stilen nachempfundener Verse und Streitgespräche, und Wojnakowski macht es ihm mit Gusto auf Polnisch nach.

Kein Wunder, dass Ryszard Wojnakowski meine beiden fehlenden Koranzitate, von denen eines, ich gestehe es Ihnen heute zum ersten Mal, erfunden war, keine sprachlichen Schwierigkeiten bereiteten, und auch nicht die höfische Welt des Frankreichs Richelieus, das ich in meinem Roman „Die Schatten von La Rochelle“ schildere, den er nach „Mondlaub“ gleich als nächstes übersetzte. Dabei ging sein Übersetzungsschiff wirklich in beide Richtungen; durch unsere Korrespondenz über den Roman erfuhr ich beispielsweise, dass es im Polnischen unterschiedliche Worte für „Nichte“ gibt, je nachdem, ob es sich um die Tochter der Schwester oder die Tochter des Bruders handelt, und merkte und lernte erst durch seine Fragen, dass meine Schilderung, über die Ursache einer Fehlgeburt, hätte genauer sein müssen.

Aber lassen Sie uns zu den Anfängen zurückkehren. Seinen und meinen, denn ich war sehr angenehm überrascht, hier noch etwas zu entdecken, was wir gemeinsam haben. In Anderschs Novelle „Der Vater eines Mörders“, die Herr Wojnakowski so kundig übersetzt hat, wird der Schüler Franz Kien dafür getadelt, dass er heimlich Karl May liest; Karl May, so Rektor Himmler, ein strikter Altphilologe, sei Schund. Damit haben Sie die zwiespältige Haltung Karl May gegenüber in Deutschland durch viele Jahrzehnte. Bis auf ein paar Ausnahmen beäugt ihn die Literaturkritik sehr misstrauisch und sieht ihn als Trivial- oder, wie man früher sagte, Schundliteratur. Aber über Jahrzehnte hinweg waren Karl Mays Abenteuerromane, ob nun im Westen Amerikas oder im Orient angesiedelt, die ersten Bücher, die Kinder mit Begeisterung lasen, die ersten Bücher, die ihre Phantasie entzündeten. Das war bei mir der Fall. Es waren keine hochangesehenen Klassiker, die mich, sobald ich lesen konnte, als erste zum Träumen, zum Mitfiebern und zum Weinen veranlassten; es war  „Winnetou I“, noch heute Karl Mays berühmtester Indianerroman, über Jahrzehnte in meiner Heimatstadt Bamberg veröffentlicht. Karl Mays Romane fanden ihren Weg auch nach Polen, wo sie der Junge Ryszard mit der gleichen Begeisterung las wie ich. Später, als Erwachsener, hat er Karl May dann selbst übersetzt, und ich hoffe, er verzeiht mir, dass ich es erwähne, denn dieser Umstand erwies sich, wie er mir erzählte, als so etwas wie ein „Verhängnis“ für ihn; noch heute wird er in Deutschland als Karl-May-Übersetzer etikettiert, ob nun durch den Chefredakteur der Zeitschrift „Literatur in der Welt“ oder von den Führern durch die EÜK Straelen, obwohl es so viele andere Autoren gibt, die er übersetzt hat. Herr Wojnakowski, als jemand, der Etiketten auch nicht mag, fühle ich mit Ihnen, aber Sie müssen das verstehen. Stefan Heyms Roman „Ahasver“, den Sie ebenfalls übersetzt haben, mag zwar literarisch viel anspruchsvoller sein, aber er kann sich eben nicht mit der nun schon ein Jahrhundert andauernden Liebe messen, die Karl May und seine Figuren bei uns genießen. Sie haben Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah zum polnischen Leben erweckt; daneben kommen Nobelpreisträger wie Heinrich Böll einfach nicht an.

Karl May hatte weder den Orient noch den Wilden Westen besucht, als er diese Romane schrieb; er befand sich in einer scheinbar ausweglosen Lage im wilhelminischen Deutschland, Sohn eines Webers, der sich zu Tode trank, früh zum Gefängnis verurteilt, eine Randexistenz der Gesellschaft, bis er es mit einigen Lexika und seiner ungebrochenen Phantasie bewaffnet schaffte, sich aus seiner Misere zu schreiben und zu einem der meist gelesenen Autoren seiner und weiterer Zeiten in Deutschland zu werden. Ich hatte einen Gastdozenten, der Israeli war und Bamberg nur allein deswegen besuchte, um ins Karl-May-Museum gehen zu können und dort den Henrystutzen und die Silberbüchse bewundern zu können, obwohl er sehr wohl wusste, dass Karl May diese Gewehre genauso erfunden hatte wie seinen Helden, den Apachenhäuptling Winnetou. Es ist der Sieg des Buches über die starren Fakten, und auch diesen Sieg, lieber Herr Wojnakowski, haben Sie beim Über-setzen vom deutschen zum polnischen Sprachufer im Gepäck getragen. 
Wie ich Sie kenne, werden Sie sich auf dem Preis, den Sie heute erhalten, nicht ausruhen, sondern gleich zu weiteren Expeditionen über den Literaturfluss aufbrechen. Ob Sie dabei zukünftige Literaturklassiker, Bestseller, oder beides in einem, ob Sie theologische Sachbücher oder Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit übersetzen werden, das weiß ich nicht. Aber eines weiß ich gewiss: alle diese Bücher könnten sich keinen besseren Fährmann, keinen besseren Über – setzer  wünschen. Tausend Dank!

 
 
   
  Tanja Kinkel


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