Deutsches Polen-Institut
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Laudatio auf Renate Schmidgall

Pawe³ Huelle

Meine Freundin, die Schwäbin

Ich erinnere mich an den Tag, als ob es gestern gewesen wäre, obwohl mir das konkrete Datum nicht mehr im Gedächtnis ist. In meiner Wohnung in der ulica Chrzanowskiego klingelte das Telefon, und eine Frauenstimme – mit einem eindeutig deutschen Akzent – fragte mich, was ich zu einer Übersetzung des Romans „Weiser Dawidek“ sagen würde. Die unbekannte Dame erkundigte sich vorsichtig, ob ich vielleicht schon mit jemandem darüber gesprochen hätte. Nein, das hatte ich nicht. Und überhaupt war ich sehr überrascht. Also lud ich meine Gesprächspartnerin gleich ein und erklärte ihr, wie sie von der Straßenbahnhaltestelle oder der S-Bahn zu der richtigen Adresse finden würde. Und schon hatte ich ein Problem. Häuslicher Art. Es waren die achtziger Jahre und es gab nicht viel zu essen. Die Wohnung war eng und voller Gerümpel. Mit einem Wort: die typischen Lebensbedingungen eines Intellektuellen, als der Kommunismus in Polen sich seinem Ende näherte. Die scheinbar kleinen, aber doch heiklen Probleme wurden immer größer: Wie sollten wir unter solch bescheidenen Bedingungen einen Gast aus Deutschland empfangen? Ich lebte damals mit meiner Frau Anna und meinem Sohn Julek in einem fünfzehn Quadratmeter großen Zimmer – man sagte damals: ‚bei den Eltern’. Berge von Büchern, Schlafcouch, Kinderbett, ein mit Papieren übersäter Schreibtisch; eine unbeschreibliche  Enge. Nicht gerade vornehm, gelinde gesagt. Daher der Stress: Was wird sie wohl über uns denken?

Ich weiß nicht, was sie gedacht hat. Doch schon im ersten Moment unserer Bekanntschaft stellte sich heraus, dass sie eine sehr feinfühlige Person ist, die sich in der Realität unseres Daseins im Kommunismus sehr gut auskannte. Und noch besser in der polnischen und europäischen Literatur. Sie war einfach phantastisch; man wollte mit ihr reden und sich austauschen. Überhaupt nicht der Typ der intellektuellen Langweilerin. Dabei hatte sie die Gabe, aufmerksam und konzentriert zuhören zu können.

Das war also unser erster Kontakt: in der ulica Bernarda Chrzanowskiego in Wrzeszcz, der früheren Hubertusburgerallee im ehemaligen Langfuhr, einem bis in die siebziger Jahre halb-dörflichen Stadtteil Danzigs.

Etwas später konnte ich sehen, wie Renate Schmidgall arbeitet. Sie war ungewöhnlich genau und gründlich. Sie machte eine Menge Fotos von den im Roman beschriebenen Orten, die ich ihr zeigte. Wir waren an der Strzy¿a, bei dem Tunnel, in dem Weiser verschwunden ist, an der Kaserne der preußischen Husaren. Auch im Viertel von Günter Grass, im ehemaligen Labesweg, wo jetzt ein Denkmal steht – eine Bank mit dem kleinen Oskar. Doch natürlich sprachen wir nicht nur über den Roman, den sie übersetzen sollte. Wir erzählten uns gegenseitig Geschichten aus unserer Kindheit, aus der Schul- und Jugendzeit, von unseren Eltern und Großeltern. Es stellte sich heraus, dass wir vieles gemeinsam hatten, was die politischen Ansichten, die Gesellschaft und die damalige Aufteilung Europas anging. Renate gehört einem Jahrgang an, der kurz nach der revoltierenden Generation von 1968 kam, doch grundsätzlich teilte sie deren kritische Haltung, die Toleranz und die Offenheit dem Osten gegenüber. Ich gehöre zu der Generation in Polen, die an der Bewegung der Solidarno¶æ aktiv teilgenommen hat. Die Chemie zwischen uns stimmte also.

Als ich die deutschen Belegexemplare von „Weiser Dawidek“  erhielt, schenkte ich eins davon meinem Vater. Er schwieg ein paar Wochen, doch schließlich sagte er halb im Scherz, halb ernsthaft: „Ach weißt du, auf Deutsch sieht das wesentlich besser aus als auf Polnisch.“ Das war die erste Rezension von Renates Arbeit, die ich hörte. Ich muss hinzufügen, dass ich mich sehr darüber freute. Eine Übersetzung ist immer ein ‚Nochmalneuschreiben’, bei dem nicht nur die Treue zum Original zählt, sondern auch der sprachliche Erfindungsgeist des Übersetzers. Das literarische Talent an sich sozusagen. Mit ihren Übersetzungen von Gombrowicz, Ku¶niewicz, Stasiuk hat Renate Schmidgall dieses Talent vielfach in hervorragender Weise bewiesen. Ihre Kenntnis des Polnischen, mit all seinen Nuancen, Redewendungen und seiner sich verändernden Lexik ist außergewöhnlich. Wenn wir dazu ihre enorme Literaturkenntnis und Sensibilität nehmen – was bliebe da noch zu loben? Die beachtliche Liste der übersetzten Bücher, Artikel, Gedichte. Leidenschaft, Fleiß, Geduld. Verständnis. Aber vor allem – und das möchte ich unterstreichen – die Liebe zur Literatur.

Unsere beruflichen Kontakte führten zu vielen Treffen; unterwegs zu Autorenlesungen in Deutschland, aber auch in Polen, besonders in Danzig. Ich weiß nicht, ob Du Dich noch erinnern kannst, liebe Renate; der Spätsommer in Jelitkowo, als Deine Tochter Vera mir – dem für Fremdsprachen völlig Unbegabten – deutsche Wörter beibrachte, die wir am Strand in den Sand schrieben. Dies ist für mich eine der liebsten Erinnerungen, aus all den Jahren und den – ich zögere nicht, es so auszudrücken – gemeinsamen Büchern.

Verehrte Damen und Herren!

Der Karl-Dedecius-Preis hat eine ganz besondere Dimension. Heute, da das freie Polen und das vereinte Deutschland Partner in der Europäischen Union sind, lohnt es, all die mühsamen und schwierigen Nachkriegsjahre in Erinnerung zu rufen, in denen uns oft die Hoffnung auf eine bessere Zukunft abhanden kam. Karl Dedecius, der auf dem scheinbar unwesentlichen Feld der Literatur arbeitete, schien diese Hoffnung nie zu verlieren. Er war einer der Pioniere, der die neuen Pfade des deutsch-polnischen Dialogs markierte. Eines sehr schwierigen Dialogs aufgrund der damaligen Teilung Europas und des tragischen, düsteren und nihilistischen Vermächtnisses des Krieges. Renate Schmidgall gehört zu der Generation von deutschen Übersetzern und Schriftstellern, die in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts Karl Dedecius’ humanistische Herausforderung angenommen hat. Diese Generation hat den Deutschen die interessantesten und wichtigsten Erscheinungen der polnischen Literatur in all ihrem Reichtum und in ihrer Vielfalt übermittelt. Es ist gleichzeitig die Rolle des Botschafters, des Vermittlers und des Fremdenführers. Man kann sie nicht genug schätzen. Wie leicht wird sie unterschätzt. Im Trubel der politischen Ereignisse und im Medienrummel erscheint die Literatur oft - wenn nicht hilflos, so doch wenig präsent unter den brandaktuellen Themen des Tages. Doch die Arbeit des Übersetzers, so wie die des Schriftstellers, ist auf längere Dauer angelegt. Es ist zwar ein leiser, aber ununterbrochener Dialog mit dem Einzelnen, mit dem Leser, mit seiner Sensibilität und mit seinem suchenden Geist. Genau so versteht und praktiziert Renate Schmidgall ihre Berufung, die heute mit diesem hohen Preis ausgezeichnet wird. Diese Berufung hat – meiner Ansicht nach – etwas von der Tradition Hermann Hesses. Der Autor des „Glasperlenspiels“ hat uns – den Kindern des 20. Jahrhunderts – klar gezeigt, dass die Literatur und die geistigen Werte nicht nur von politischen Regimen, sondern vom Massenkitsch und von der Diktatur des Gewöhnlichen bedroht werden. Ich möchte damit sagen, dass Renate Schmidgall nicht nur – als Übersetzerin – eine Verbündete der polnischen Literatur ist. Sie ist vor allem jemand, der einen tiefen und klaren Blick auf unsere europäische Wirklichkeit hat. Immer auf der Suche und immer kritisch. Frei von Dogmatismus, tolerant, aber auch unabhängig von momentaner Konjunktur. Umso mehr freue ich mich, dass der Karl-Dedecius-Preis Renate verliehen wird.

Ich weiß nicht, ob diejenigen, die darüber entschieden haben, wissen, dass die diesjährige Preisträgerin auch die Autorin von Gedichten ist, die sie auf Polnisch geschrieben hat. Es handelt sich nicht um Gedichte, die aus ihrer deutschen Muttersprache ins Polnische übersetzt wurden, sondern um solche, die auf Polnisch geschrieben wurden. Scherzhaft könnte man sagen, das sei eine Auswirkung der Polonisierung. Doch Renate Schmidgall ist keine polonisierte Deutsche. Sie ist eine Deutsche, die die polnische Sprache wählte, um einige wichtige emotionale Dinge lyrisch auszudrücken. Hat sie doch viele andere, wunderschöne Gedichte geschrieben – auf Deutsch. Das Geheimnis der Sprache ist – besonders in der Poesie – ein Geheimnis der tiefsten Gefühle, um die nur die Autorin weiß. Aber da ich schon das Thema angeschnitten habe...

Wissen Sie, wer Renate Schmidgall wirklich ist?

Ich habe es erfahren, als mich Renate wieder mal besuchte, ich glaube es war das zweite Mal in Danzig. Da konnte ich nicht vor ihr verbergen, dass sie die Herzen meiner Eltern  gewonnen hat. Besonders das meiner Mutter. Sie musste während des Krieges bittere Erfahrungen machen. Nicht, dass sie den Deutschen gegenüber feindlich eingestellt gewesen wäre, aber sie hielt eine gewisse Distanz zu ihnen. Sie sagte zu mir: „Schau, eine Deutsche und doch so sympathisch.“ Nun, davon erzählte ich Renate, worauf ich zu hören bekam: „Klar bin ich sympathisch, ich bin ja keine Deutsche, sondern Schwäbin...“

Der lieben Schwäbin danke ich für zwanzig Jahre Freundschaft und gemeinsame Arbeit, für alle Erlebnisse, für die Briefe, für die glücklichen Momente und die Sorgen. Ich gratuliere Dir zu diesem Preis, Renate. Mögen Dir die polnischen Schriftsteller noch viel Freude bringen und mögen Deine Gedichte – sowohl die auf Deutsch, als auch die auf Polnisch geschriebenen – hier in Krakau einen würdigen Verleger finden.
 
Übersetzung: Joanna Manc

 
 
   
  Pawe³ Huelle


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