Deutsches Polen-Institut
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Roland Koch

Das Land Hessen ist froh und stolz, einer der Träger und mit Darmstadt zugleich Sitz des Deutschen Polen Instituts zu sein.

Zahlreiche der heute anwesenden Gäste haben das Projekt von Anfang an unterstützt. Meine Kollegin Ruth Wagner hat mir dieser Tage noch einmal erzählt, wie der Hessische Landtag Ende der 70er Jahre begonnen hat, sich mit der Frage der finanziellen Unterstützung des Deutschen Polen-Instituts zu beschäftigen und in Wahrheit war es damals auch nicht einfacher als heute, Zuschüsse zu beschließen – das sieht nur im Nachhinein so aus. Fest steht, es ist eine gute und wichtige Investition gewesen.

Dennoch, finde ich, lohnt es sich, darüber nachzudenken, warum die Präsidenten zweier wichtiger europäischer Staaten und viele andere Besucher zum 20-jährigen und zum 25-jährigen Jubiläum hier in Darmstadt, der Geburtsstätte des Deutschen Polen-Instituts, zu Gast sind.

Wenn wir Politiker zu Jubiläumsfeierlichkeiten eingeladen sind, überlegen wir doch stets vor einer Zusage, ob mindestens ein hundert- oder hundertfünfzigjähriges Jubiläum gefeiert wird, manchmal sind es sogar tausend Jahre – 25 Jahre sind auf jeden Fall eine sehr kurze Zeit. Ich glaube, die Tatsache der besonderen Aufmerksamkeit, die das Deutsche Polen-Institut heute erfährt, weist darauf hin, welche Bedeutung das Institut für die Verbindung unserer beiden Länder in diesen 25 Jahren gewonnen hat.

Viele Bürgerinnen und Bürger hatten in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg den Traum, das Projekt der Versöhnung zwischen Menschen, die sich mit Waffen an der deutsch-französischen Grenze gegenüber gestanden hatten, irgendwann einmal auch auf Polen zu übertragen. Aber zwischen Deutschland und Frankreich war es der erklärte Wille der Staatschefs, der Regierungen, alles vom ersten Tag an dafür zu tun, dass man sich unmittelbar begegnet und geistig austauscht. Es war daher auch relativ leicht, mit dem Jugendaustausch zu beginnen, um eine neue Generation in der Selbstverständlichkeit einer Partnerschaft aufwachsen zu lassen, so dass viele Ressentiments und auch „alte Rechnungen“ gar nicht mehr aufkommen konnten.

Das war uns, den Völkern der Polen und der Deutschen, zu dieser Zeit verwehrt. Angesichts der großen Konflikte der Weltmächte, der unterschiedlichen Interessen, aber auch der unterschiedlichen Bedingungen eines freiheitlichen Landes und eines Landes, das nicht unter demokratischen Verhältnissen lebte, galt eine Partnerschaft zwischen Polen und Deutschland wie die zwischen Frankreich und Deutschland geradezu als illusorisch, so dass das Projekt zu einer geschichtlichen Hoffnung wurde.

Wahrscheinlich ist es das besondere Verdienst derjenigen, die in der 2. Hälfte der 70er Jahre begannen, den Wind einer Veränderung zu atmen, dass sie nicht darauf gesetzt haben, sofort große Delegationen von Politikern auszutauschen. Sie haben auch nicht darauf gesetzt zu glauben, es könne unter diesen sehr schwierigen Bedingungen ein großes und gigantisches Jugendprojekt wie das deutsch-französische Jugendwerk einfach parallel aufgelegt werden. Sie haben zunächst einmal den aus Sicht vieler Bürgerinnen und Bürger schmalen Korridor der Kultur, der Sprache, der Fähigkeit, sich jenseits des Politischen auszudrücken und damit ja häufig sehr Politisches zu tun, genutzt, um ein ähnliches Projekt in die Richtung zwischen Deutschland und Polen zu starten, wie es uns zwischen Deutschland und Frankreich gelungen war.

Heute klingt das selbstverständlich und heute haben wir das deutsch-polnische Jugendwerk, wir arbeiten mit den Vorbildern und Idealen, die in den Erfahrungen der letzten Jahre liegen. Trotzdem ist es auch wahr, dass wir noch lange nicht so weit sind, wie wir an anderer Stelle schon gekommen sind. Wir erleben auch in der aktuellen Politik, dass Ressentiments, Sorgen und Schwierigkeiten - auch Präsident Kwa¶niewski hat davon gesprochen - schneller wieder aufkommen können, härtere Töne haben. Und wir erleben häufig, dass wir gar nicht genau bemerken, was die Gefühle unserer Nachbarn gerade ausmacht.

Ich sage das auch sehr persönlich für mich, wir haben heute eine ausgezeichnete Beziehung unseres Bundeslandes mit der Region Wielkopolska – Marschall Miko³ajczyk ist heute mit hier. Als ich vor einem Jahr dort zu Besuch war, wurde, neben den vielen wichtigen Dingen, die wir besprochen haben, in allen Diskussionen, ob mit Wissenschaftlern oder Politikern, sofort die Frage nach der Preußischen Treuhand gestellt. Ich gestehe Ihnen ehrlich, ich konnte – mir ist immer ein Name genannt worden – nichts damit anfangen, denn ich wusste gar nicht, wer der Vorsitzende ist. Ich wusste, dass es die Preußische Treuhand gibt, dass sie eine kleine Gruppe in Deutschland repräsentiert und ich hatte eine juristische Meinung, dass ihr Vorhaben aussichtslos ist. Außerdem kannte ich Briefe, die die Regierungen in dieser Angelegenheit untereinander ausgetauscht haben. Aber es war das beherrschende Thema im anderen Land – und da ich die Arroganz besitze zu glauben, dass ich etwas von der politischen Strömung in unserem Land gelegentlich mitbekomme, weiß ich, dies war es bei uns nicht. So lange es so ist, dass die einen leben können, ohne richtig zu bemerken, was die anderen in ihrem Herzen umtreibt, sind die Verbindungen, das gleiche Denken, das gleiche Erfahren, noch nicht weit genug entwickelt. Es besteht das grundsätzliche Risiko, dass gut gemeinte Entscheidungen – heute in Europa sind alle Entscheidungen im Prinzip ja gut gemeint – zu fatalen Entwicklungen führen können. Ich glaube, wenn man nachspürt, worin die Bedeutung eines Katalysators, wie es das Deutsche Polen-Institut sein kann, liegt und warum dies so wichtig ist, dann wird man die Antworten darauf in diesem Feld finden. Es war daher richtig, dass Herr Professor Dedecius bei seinem Wechsel hin zu Herrn Professor Bingen mit dafür gesorgt und den Weg frei gemacht hat, dass die Perspektiven sich über die Kultur und Literatur aus ihrem Kernbereich hinaus in die gesellschaftspolitischen Dimensionen erweitern. Es gab keinen Grund mehr, den schmalen Pfad des Erlaubten zum Beginn eines Verstehens zu nutzen, sondern es gab jetzt eine Notwendigkeit in unserer breiten Beziehung, die in Freiheit angelegt ist, die anderen Felder ebenfalls zu verstehen und zu erkennen. In diesem Bereich wird das Deutsche Polen-Institut auch in Zukunft eine wichtige Rolle haben.

Diese Aufgabe ist keineswegs erledigt. Das Polen- Institut wird uns auch weiterhin in Deutschland, in der Politik in Deutschland, ein nicht unwichtiger Ratgeber sein, um zu verstehen, was manche Begriffe auslösen. Da ich ein wenig undiplomatischer sein darf als die Präsidenten, darf ich sagen, wir müssen verstehen, was eine Achse Paris–Berlin–Moskau für die bedeutet, die dazwischen liegen. Wir müssen uns möglicherweise nicht an alles, was Gefühle jeweils auslösen, an jeder Stelle halten, wir sind ein politisch freies Land und müssen darüber diskutieren, aber wissen müssen wir es. Zudem müssen wir auf der Basis entscheiden, was uns das Vertrauen und die Freundschaft unserer Nachbarn in jenem Falle wert sind und was wir tun, um sie zu erwerben. Dabei müssen wir wissen, dass es unterschiedliche Wege gibt, sie für sich zu erwerben, wir müssen wissen, wo die kritischen Punkte liegen. Und weil das noch nicht so selbstverständlich ist, weil unsere gemeinsame Lerngeschichte kürzer ist als etwa die mit unserem Nachbarn Frankreich und mit vielen anderen, sind 20 und 25 Jahre eben doch eine sehr lange Zeit. Sie ist, den Mantel der Geschichte an der richtigen Stelle ergriffen, ein bisschen vorgearbeitet zu dem, was in der europäischen und ganzen Welt danach geschah, so dass wir einen Vorsprung hatten. Aber – das ist eine in Deutschland im Augenblick sehr allgemeingültige Bemerkung – wir müssen aufpassen, dass wir unsere Vorsprünge nicht verlieren. Dies gilt auch hier und deshalb ist die Pflege dessen, was wir tun, eine gemeinsame Aufgabe. Und ich bin den beiden Präsidenten sehr, sehr dankbar, dass sie diese keineswegs selbstverständliche Entscheidung - wie die Protokollreferenten bestätigen würden, sehr ungewöhnliche Entscheidung – innerhalb von fünf Jahren Ihrer Tätigkeit, Herr Präsident Kwa¶niewski, zum zweiten Mal und Sie zum Anfang Ihrer Amtszeit, Herr Bundespräsident, hier dieses Ereignis begehen, um dem Deutschen Polen-Institut den Stellenwert zu geben, um mit seinen Mitteln und in seinen Grenzen an der Aufgabe mitzuwirken, die bedeutet, eine dauerhafte Versöhnung zwischen Deutschen und Polen zu garantieren.

Angefangen haben wir längst, aber wir sind noch nicht fertig. Und deshalb sind 25 Jahre eben auch kein Ende, sondern noch eine relativ junge Zeit für eine Aufgabe, die uns begleiten wird, bei der wir aber denen, die sie begonnen haben, und vielleicht auch uns allen ein bisschen mit Stolz sagen dürfen, dass wir auf einem Weg sind, der sich durchaus sehen lassen kann.

Herzlichen Glückwunsch zum 25. Geburtstag!

 
 
   
  Foto: Roman Größer


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