Deutsches Polen-Institut
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Walter Hoffmann: "Diese Ausstellung leistet einen wertvollen Beitrag zur Geschichtsaufklärung junger Menschen"

Rede von Darmstadts Oberbürgermeister Walter Hoffmann zur
Ausstellungseröffnung des Deutschen Polen-Instituts: "Größte Härte..." -
Verbrechen der Wehrmacht in Polen" in der Kommunalen Galerie des Justus-Liebig-Hauses (noch bis 25. August 2005)


Diese Ausstellung ist ein Ereignis der besonderen Art: Nicht nur, weil sie im Zeichen des 60. Jahrestags des Kriegsendes in Europa von 1945 nun auch in Darmstadt zu sehen ist.

Vielmehr auch deshalb, weil Erinnerungsarbeit an die Verbrechen der Nationalsozialisten, der Wehrmacht nach meiner festen Überzeugung zuerst und vor allen Dingen vor Ort, also in der eigenen Heimatstadt und möglichst hautnah am Beispiel konkreter Personen passieren sollte. Und: Kommunale Erinnerungsarbeit bleibt auch in Zukunft in Darmstadt eine dauernde Aufgabe.
Das gilt erst recht vor dem Hintergrund, dass rechtsextreme Parteien wie die NPD heute wieder ihr Unwesen in etlichen Länderparlamenten treiben, dass sich sogenannte "National befreite Zonen" insbesondere in Ostdeutschland zu beängstigenden, rechtsfreien Räumen entwickelt haben.

Wenn diese Ausstellung, die außer in Darmstadt nur in wenigen anderen Städten in Deutschland gezeigt wurde und noch zu sehen sein wird, die Verbrechen der Wehrmacht im besetzten Polen dokumentiert, dann leistet sie einen wertvollen Beitrag zur Geschichtsaufklärung gerade junger Menschen. Die Wehrmacht war eben KEINE Armee, die - wie es die Legendenbildung suggeriert - einen angeblich "sauberen" Krieg führte. Die Wahrheit ist: Die Deutsche Wehrmacht war unmittelbar beteiligt an den Verbrechen, und zwar nicht erst ab 1941 in der Sowjetunion.

Nach den Debatten über die Ausstellungen von Jan Philipp Reemtsma und dessen Hamburger Institut für Sozialforschung in den 1990er Jahren ist diese sehenswerte Ausstellung eine notwendige, längst überfällige Ergänzung. Notwendig deshalb, weil in der Öffentlichkeit kaum bekannt sein dürfte, dass die Deutsche Wehrmacht bereits in den ersten Kriegswochen 1939 des Zweiten Weltkriegs schlimme Verbrechen an Zivilisten und Kriegsgefangenen beging. Wohlgemerkt: Schon 1939 - also drei Jahre vor der Wannseekonferenz von 1942, die endgültig der Ermordung der europäischen Juden beschloss.

Dass sich die Nazis in diesem Krieg nicht an internationale Kriegskonventionen zu halten bereit waren, zeigte bereits Heydrichs berühmt-berüchtigter, fingierter "Angriff" auf den Radiosender Gleiwitz am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Jener 31. August 1939 also, als der SS-Sturmbannführer Alfred Naujocks zusammen mit fünf oder sechs in Zivil gekleideten SS-Leuten diese Radiostation im Auftrag des Reichssicherheitshauptamts überfiel, einen vermeintlichen polnischen "Aufstand" vortäuschte und so Hitler und seinen Schergen den Vorwand für den deutschen Angriffskrieg gegen Polen lieferte.

Die Ausstellung zeigt auch, - ich sage dies bewusst vor dem Hintergrund der heutigen Debatte über den Bombenkrieg auf deutsche Städte und der Selbststilisierung der Deutschen als die wahren "Opfer" - dass Görings Luftwaffe von Kriegsbeginn an polnische Städte und Dörfer bombardierte - und zwar auch dann, wenn dort keine polnischen Truppen stationiert waren. Mit anderen Worten: Terrorangriffe aus der Luft waren Teil des deutschen Angriffskriegs gegen Polen, dem Tausende polnischer Frauen, Männer und Kinder zum Opfer fielen. Die Deutschen waren eben keineswegs nur unschuldige Opfer des Bombenkriegs: Wer Wind sät, wird Sturm ernten - und man sollte sich dazu die Bilder des von den Deutschen bombardierten Warschau immer wieder vor Augen führen.
Der Massenmord an zig Tausenden polnischen Zivilisten in den ersten Wochen des Einmarschs, der Massenmord an den polnischen Juden und die Ermordung tausender polnischer Kriegsgefangener - all diese Verbrechen gingen auch auf das Konto der deutschen Wehrmacht.

Ich danke deshalb an dieser Stelle daher den Ausstellungsmachern - dem Büro der Öffentlichen Erziehung des Instituts des Nationalen Gedenkens - der Kommission zur Verfolgung von Verbrechen gegen die polnische Nation - wie auch dem Deutschen Historischen Institut in Warschau für das große Verdienst, diese Schau zusammengestellt zu haben.

Mein herzlicher Dank geht auch an den Direktor des Deutschen Polen-Instituts, Herrn Dr. Dieter Bingen, der maßgeblich dafür gesorgt hat, dass diese Ausstellung jetzt in Darmstadt gezeigt werden kann.
Diese Ausstellung setzt Maßstäbe: sie klärt auf über das, was Holocaust und deutsche Kriegsverbrechen wirklich bedeuteten. Diese Ausstellung räumt ein für allemal auf mit der Legende, Verbrechen während des 2. Weltkriegs seien "nur" von der SS und den sogenannten Einsatzgruppen hinter der Front und ohne Wissen und ohne Mittäterschaft der Wehrmacht begangen worden.

Die bittere Wahrheit ist: Von den 18 Millionen Wehrmachtsangehörigen wagten nur wenige, sich den Unrechtsbefehlen mit Blick auf den NS-Vernichtungskrieg zu widersetzen. Und sei es auch nur aus materieller Eigensucht, wie die Debatte über die Thesen des Historikers Götz Aly gezeigt hat.
Hitlers Krieg war ein gezielter Raub- und Eroberungskrieg, wie es ihn kaum je zuvor in der Menschheitsgeschichte in dieser geplanten Form gegeben hat.

Darmstadt hat auch eine nationalsozialistische Vergangenheit, bei den Wahlen am 5. März 1933 lag die Stadt mit 50 Prozent der Wählerstimmen deutlich über dem Reichsdurchschnitt. Einer der führenden NS-Schreibtischtäter, Stellvertreter Heydrichs und der führende Ideologe der SS und der Gestapo, kam aus Darmstadt: Dr. Werner Best. Der Jurist Best aus Darmstadt, nach 1945 nie für seine Taten zur Rechenschaft gezogen, war maßgeblich an den Massenmord-Programmen im besetzten Frankreich und - man beachte - im besetzten Polen verantwortlich. In Polen organisierte der Darmstädter Best von seinem Schreibtisch aus die Ermordung von über 8700 Juden, Sinti und Roma. Er gehörte, wie der Historiker Ulrich Herbert schreibt, zur "Kerngruppe der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Genozidpolitik".

Wie viel das Thema mit uns hier in Darmstadt zu tun hat, zeigt auch der Fall des Darmstädter Wehrmachtsoffiziers Heinrich Schubert, der im Dezember 1944 in Norditalien den Befehl gab, einen Turiner Richter, einen jungen Italiener und ein Dutzend weiterer Zivilisten zu ermorden - und zwar ohne jedes rechtsstaatliches Gerichtsverfahren. So soll sich dieser Offizier Schubert eigenhändig an der Auspeitschung des angesehenen Juristen beteiligt haben und den Befehl zur Ermordung dieser Opfer gegeben haben.

Gleiches gilt für den 79 Jahre alten ehemaligen Marineangehörigen aus Darmstadt den damaligen SS-Offizier Friedrich Engel. Engel war im Zweiten Weltkrieg SS-Befehlshaber im italienischen Genua - und galt als "Henker von Genua" und als "eiskalter Hund", wie Überlebende berichten. Strategie des SS-Terrors war es, zur "Abschreckung" für einen toten Deutschen wahllos zehn italienische Geiseln zu erschießen. So ließ dieser "Todesengel" im Mai 1944 wahllos 59 Geiseln an der Liturgischen Küste ermorden - und gefiel sich in der Rolle des Sadisten: Während der Hinrichtung stand der Darmstädter Engel ganz nah an der Grube und guckte sich das Gemetzel an.
Mindestens ein Opfer, das zunächst nur verletzt wurde, soll Engel eigenhändig umgebracht haben.

Nach Kriegsende 1945 - und das gehört für mich zu den Skandalen der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte - lebte der Darmstädter Engel weitgehend unbehelligt in Hamburg. Auch für ihn und viele andere galt: Die Mörder sind unter uns. Erst 1999 wurde Engel zwar in Turin in Abwesenheit wegen der Ermordung von 246 Geiseln zu lebenslanger Haft verurteilt.

Umso wichtiger ist es, immer wieder positive Vorbilder hervorzuheben - Menschen etwa, wie den Darmstädter Wehrmachtsoffizier Karl Plagge, den die Stadt bewusst als Retter in Uniform in Ehren hält. Ich begrüße es sehr, dass Bundesverteidigungsminister Peter Struck zugesagt hat, die Umbenennung einer Darmstädter Bundeswehrkaserne in Karl-Plagge-Kaserne zu prüfen. Plagges Zivilcourage und Menschlichkeit kann erst vor dem Hintergrund dieser hier gezeigten Wehrmachtsverbrechen angemessen gewürdigt werden.

Ich wünsche mir als Oberbürgermeister dieser Stadt, die sich gerade wegen der eigenen Geschichte heute als weltoffene, liberale und tolerante Europastadt versteht, dass möglichst viele Darmstädterinnen und Darmstädter diese einzigartige deutsch-polnische Gemeinschaftsausstellung besuchen.
Ich hoffe, dass gerade die Darmstädter Schulen und Hochschulen regen Gebrauch davon machen, sich diese Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht in Polen 1939 anzusehen.

Ich will zum Schluss mit einem Zitat von Primo Levi schließen: "Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen."

 

 

 
 
   
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